Was ist Wirtschaftsforensik?

Nicht nur der Begriff Wirtschaftsforensik, sondern auch die Arbeit von Forensiker:innen ist vielfältig. Sie klären auf, führen Interviews, prüfen die Einhaltung von Regeln und setzen sich mit der Dokumentation von Straftaten und anderen Regelverstößen in Unternehmen auseinander. Prof. Dr. Karsten Munscheck, Programmleiter des Studiengangs Wirtschaftsforensik (M.Sc.), gibt einen Einblick, was genau ein:e Wirtschaftsforensiker:in macht.

Erpressung, Diebstahl oder Industriespionage: In Deutschland beläuft sich der Schaden, der allein durch diese Formen der Wirtschaftskriminalität verursacht wird, jährlich auf einen hohen Milliardenbetrag. Der tatsächliche Schaden lässt sich dabei nicht ganz einfach beziffern.

Portrait von Karsten Munscheck
Prof. Dr. Karsten Munscheck

Während eine Studie von Bitkom den Schaden von Wirtschaftskriminalität im Jahr 2021 mit mehr als 220 Milliarden Euro beziffert, wird dieser im Bundeslagebild zur Wirtschaftskriminalität des Bundeskriminalamts mit nur etwa 2,4 Milliarden Euro ausgewiesen. Warum? Aus Angst vor Imageverlust zeigen viele Unternehmen den entstandenen Schaden erst gar nicht an. Ein weiteres Problem: Die Unternehmen können nur einen Schaden melden, der direkt auf eine Straftat zurückzuführen ist. Der tatsächliche Verlust ist aufgrund von Imageschäden, Aufklärungskosten oder Einnahmebußen jedoch oft sehr viel höher. So beziffert Volkswagen den Schaden aus dem „Dieselskandal“ auf 29 Mrd. EUR in den Jahren 2015-2018, während die Polizeistatistik eine Schadenshöhe aus Wirtschaftskriminalität bundesweit auf 13 Mrd. EUR in diesem Zeitraum nennt.

Die Wirtschaftsforensik

Was passiert, wenn ein Schaden vermutet wird? Es braucht Expert:innen, die sich in verschiedensten Bereichen auskennen. Hier setzen Wirtschaftsforensiker:innen an, denn sie betreiben Detektivarbeit der etwas anderen Art: „Sie arbeiten an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Informatik, Recht und Kriminalistik“, sagt Prof. Dr. Karsten Munscheck. „Wirtschaftsforensik hat allerdings keine geregelte Definition. Man kann es jedoch so zusammenfassen, dass es hier um Straftaten oder andere Regelverstöße geht, die sich gegen Unternehmen richten oder von Mitarbeitern von Unternehmen begangen werden. Hierzu zählen auch Straftaten, die mit Hilfe des Internets begangen werden.“ Das Bundeskriminalamt, kurz BKA, teilt Wirtschaftskriminalität in sogenannte Deliktsgruppen ein:

So finden sich in der Statistik des BKAs etwa eine Steigerung um 20 Prozent bei Subventionsbetrügen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Hier wurden Corona-Soforthilfen vorsätzlich falsch beantragt. Auch gibt es einen Anstieg betrügerischer Finanzprodukte auf dem Finanzmarkt zu verzeichnen. „Wirtschaftsforensik ist sehr vielfältig: Ein Schaden kann durch menschliche Fehler entstehen, was dann zu einer Verbesserung von Prozessen und Kontrollen in Unternehmen führen sollte. Ein Schaden kann aber auch in betrügerischer Absicht herbeigeführt werden, womit wir bei der Wirtschaftskriminalität wären. Insofern arbeiten Bereiche wie Compliance und Risikomanagement, Revision, Risikocontrolling, Anti-Korruptionsmaßnahmen oder auch Anti-Fraud – hierzu zählt auch Geldwäsche – wirtschaftsforensisch“, bestätigt der Professor.

27 Berufe

„Als Wirtschaftsforensiker arbeiten kann man in mindestens 27 Berufen wie Wirtschafts- und Steuerprüfung, Unternehmensberatung oder auch interne Revision oder Compliance Management“, so Karsten Munscheck.
Doch, wozu genau gehören Wirtschaftsforensiker:innen? Sind sie in der Rechtswissenschaft, Kriminalwissenschaft oder im IT-Bereich tätig? „Wirtschaftsforensiker verstehen die Sprache der Betriebswirtschaft, Rechtswissenschaft, der IT und Kriminalwissenschaften. Sie arbeiten mit Experten aller Bereiche zusammen und dokumentieren Vorgänge so, dass sie sowohl zur Verbesserung von Prozessen in Unternehmen dienen können als auch als Beweise vor Gericht standhalten und für jeden aus dieser Gruppe verständlich sind“, erklärt Karsten Munscheck. Daher sind nicht nur die Themen der Wirtschaftsforensik vielfältig, auch die Aufgaben von Wirtschaftsforensiker:innen sind es. Sie haben die Fähigkeiten, die es dazu braucht, um Regelverstöße, zu denen auch Straftaten zählen, zu verhindern oder aufzuklären. Es wird auch ein psychologisches Grundverständnis benötigt, wenn es beispielsweise um forensische Interviews zur Aufklärung von Schäden geht.