NARZISSMUS IN DER MODERNEN WELT – WAS IST EIN NARZISST?

Schnell noch ein Selfie, ein Instagramkanal mit Fotos von mir an den schönsten Orten der Welt, im Vorbeigehen am Fenster immer das Outfit checken – Bin ich ein Narzisst? Was ist ein Narzisst überhaupt? Darüber haben wir mit Prof. Dr. phil. Dipl. Psych. Nikolai W. Egold, Studiendekan Psychologie (B.Sc.), gesprochen.

Lieber Herr Egold, können Sie uns bitte vom Mythos des Narziss erzählen?

Eine der bekanntesten Versionen stammt von Ovid, einem antiken römischen Dichter (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.). In seinem Hauptwerk, den Metamorphosen, beschreibt er die Geschichte des schönen Jünglings Narziss:

Der Flussgott Cephisus vergewaltigte die Quellnymphe Liriope. Als Folge gebar Liriope ein Kind – Narziss –, der mit göttlicher Schönheit gesegnet war.

Der Hellseher Tiresias sagte Liriope, dass Narziss ein langes Leben haben kann, wenn er „sich selbst fremd bleibt“.

In seinem Leben hatte der schöne Narziss viele Frauen und Männer zurückgewiesen, darunter auch Ameinios, der ihn daraufhin verfluchte: „So soll er denn sich selbst lieben, auf dass er niemals in der Liebe glücklich sei!“

Und Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild. Als er das realisierte, schlug er sich selbst, bis er stark blutete. Er konnte seinen eigenen verletzten Körper nicht ansehen. So verschwand sein Körper und an dieser Stelle wuchs eine wunderschöne Blume mit dem Namen „Narzisse“.

Was ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Narzissten streben nach Bewunderung und Aufmerksamkeit. Sie versuchen immer im Mittelpunkt zu stehen und werden ungeduldig, wenn das nicht funktioniert. Sie konzentrieren sich nur auf ihre eigenen Erfolge und Stärken. Narzissten haben ein niedriges Selbstwertgefühl. Ihr Verhalten ist meist egozentrisch und manipulativ.

Die Intrauterinexistenz des Menschen erscheint gegen die meisten Tiere relativ verkürzt; er wird unfertiger als diese in die Welt geschickt. … Dies biologische Moment stellt also die ersten Gefahrensituationen her und schafft das Bedürfnis, geliebt zu werden, das den Menschen nicht mehr verlassen wird.

Siegmund Freud (1856-1939)

Bei einem gesunden Narzissmus tritt ein Mensch selbstbewusst auf. Bei einem pathologischen Narzissmus steht in Beziehungen nur noch der eigene Vorteil im Mittelpunkt. Ab dieser Stufe des Narzissmus ist eine Störung erkennbar. In der nächsten Stufe, im malignen Narzissmus, kommt es zu einer Über-Ich-Pathologie – das eigene manipulative Verhalten wird als lustvoll empfunden. Dies wird noch gesteigert im Über-Ich-Defekt, dem psychopathischen Narzissmus. Er zeichnet sich durch fehlende Angstgefühle und gefährliche Manipulationsfähigkeiten aus.

Um eine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren zu können, müssen die allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung überprüft werden. Mindestens fünf der neun Kriterien müssen erfüllt werden:

  • Grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit
  • große Fantasien bezüglich Macht, Erfolg, Schönheit usw.
  • Man nimmt sich als besonders und einzigartig wahr.
  • Man braucht sehr viel Bewunderung.
  • Die eigenen Erwartungen müssen immer priorisiert werden.
  • Man nutzt andere Menschen aus => manipulatives Verhalten.
  • Mangel an Empathie
  • Man ist neidisch auf andere Menschen/glaubt daran, dass andere Menschen neidisch sind.
  • Das eigene Verhalten wird von dem sozialen Umfeld als überheblich wahrgenommen.

Was ist die dunkle Triade der Persönlichkeit?

Das ist der Dreiklang aus Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Diese drei Persönlichkeitstypen unterscheiden sich in ihren Strategien und Motiven. Jede:r von uns hat eine bestimmte Ausprägung dieser Merkmale. Ob das problematisch ist, hängt davon ab, wie stark die einzelnen Merkmale ausgeprägt sind und unser Verhalten bestimmen.

Die Ausprägungen dieser Merkmale werden in der Personalpsychologie häufig bei der Auswahl und Bewertung von Führungskräften beachtet.

Dunkle Triade

A Narcissist, a Psychopath and a Machiavellian walk into a bar. The bartender asks, who has the darkest personality out of you three? The Narcissist says: “me”, the Psychopath says: “I don’t care”, and the Mach says: “it’s whoever I want it to be”.

Raj Chopra (2013)

Narzissmus spielt in der Arbeitswelt eine Rolle, doch es ist auch ein gesellschaftliches Phänomen. Wo finden wir es?

Narzissmus entsteht nicht nur aus der eigenen Erfahrung, sondern auch durch sozialen Austausch mit anderen. Soziale Medien sind prima geeignet, um Aufmerksamkeit und Feedback von anderen zu bekommen. Sie dienen der Selbstdarstellung und das fördert Narzissmus. Zudem zeigen uns Bilder in den (sozialen) Medien stereotype Menschen. So lernen wir, welche Schönheitsideale gerade gefragt sind, denen wir nacheifern.

Ein bisschen Narzissmus muss aber sein …

Auf jeden Fall! Ein bisschen Selbstverliebtheit steckt in jedem von uns. Ein gesundes Selbstbewusstsein macht uns psychisch stabil und attraktiv.

gesunder vs. krankhafter Narzissmus