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Multioptionalität ist ein alltägliches Phänomen: Von der Entscheidung für einen Studiengang oder Ausbildungsweg, über die Berufswahl bis hin zu Freizeitaktivitäten und Konsumentscheidungen stehen uns heute oftmals unzählige Optionen offen. Diese Vielfalt ist ein Privileg, kann aber auch überfordern. Doch was genau bedeutet Multioptionalität? Woher kommt sie? Welche Vor- und Nachteile sind damit verbunden? Und wie können wir damit umgehen? Darum soll es in diesem Beitrag gehen.
Der Begriff „Multioptionalität“ geht auf den deutschen Soziologen Peter Gross zurück. In seinem Buch „Die Multioptionsgesellschaft“ aus dem Jahr 1994 charakterisiert Gross dieses Phänomen als in der westlichen Moderne zunehmende Möglichkeit, aus einer Vielzahl an Optionen zu wählen, ohne durch traditionelle oder institutionelle Vorgaben stark eingeschränkt zu sein. Gross (1994) definiert hierbei eine „Option“ als mögliche Handlungsalternative, die dem Individuum zur Verfügung steht. Lindner (2012) bezeichnet Optionen als Handlungsrechte und -angebote, die neue Freiheiten und Möglichkeiten der Lebensgestaltung schaffen.
In seinem Buch beschreibt Gross (1994) die moderne westliche Gesellschaft als eine, in der wir Menschen, die finanziellen Ressourcen vorausgesetzt, eine Zunahme an Wahlmöglichkeiten in den verschiedensten Lebensbereichen erleben – von Bildung und Beruf über den Konsum bis hin zu sozialen Beziehungen. Die „Optionssteigerung“ wird dabei als ein zentrales Merkmal der Modernisierung betrachtet. Er formulierte bereits damals die These, dass grenzenlose Wahlmöglichkeiten zu Desorientierung und Stagnation führen. Damals war es ein Zukunftsszenario, heute ist es zur problematischen Realität geworden. Doch woher kommt diese Zunahme an Wahlmöglichkeiten?
Die Optionssteigerung wird durch unterschiedliche Treiber in der westlichen Welt verursacht, die nicht nur durch technologische und ökonomische Entwicklungen hervorgerufen werden, sondern auch gesellschaftlich und kulturell bedingt sind (siehe unter anderem Gross, 1994; Reckwitz, 2017). In technologischer Hinsicht ermöglichen Digitalisierung, Internet und soziale Medien in der heutigen Zeit Zugang zu nahezu unbegrenzten Informationen. Damit wird nicht nur transparent, was alles gehen könnte, sondern digitale Medien führen uns gleichzeitig auch die ständige Verfügbarkeit der Alternativen vor Augen.
Ökonomische Treiber liegen einerseits in der Internationalisierung und Ausdifferenzierung der Märkte, die Produkte und Dienstleistungen weltweit zugänglich machen, und andererseits unter anderem darin, dass Vielfalt in der Marktwirtschaft als Verkaufsargument angesehen werden kann. So schneiden Unternehmen oftmals ihre Produkte individuell auf die Kunden zu oder schaffen gezielt Wahlmöglichkeiten, um besondere Bedürfnisse zu wecken und zu bedienen, egal ob es beispielsweise um verschiedenste Sorten an Joghurt oder um individualisierte Streaming-Angebote geht.
Doch auch die Bildungsexpansion, die eine breitere Wahl von Berufen und Karrierewegen ermöglicht und das Bewusstsein für Alternativen schärft, trägt zur Optionssteigerung bei. Weitere Kerntreiber sind im sozialen Wandel und der kulturellen Pluralisierung zu sehen, insbesondere im Prozess der Individualisierung, durch die sich nach Nassehi (2011) im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung die Erwartung in der westlichen Welt entwickelt hat, dass Menschen ihre Lebensentscheidungen selbst treffen (können), damit aber auch für ihr Leben eigenständig Verantwortung übernehmen (müssen).
Mit der im gesellschaftlichen Prozess der Modernisierung sinkenden Bedeutung traditioneller Autoritäten und Normen fehlen hierbei zunehmend äußere Bezugspunkte, die bisher Orientierung bei der Entscheidungsfindung boten. Mit diesem Prozess gehen auch die steigende Bedeutung von Werten wie Selbstverwirklichung und Flexibilität einher und, damit in Verbindung, die kulturelle Öffnung für unterschiedliche Lebensentwürfe und -stile (siehe unter anderem Beck, 1986; Gross, 1994; Junge, 2002; Schwartz, 2004; Reckwitz, 2017).
All diese Treiber wirken in Sachen Optionssteigerung zusammen. So führen die zunehmende Transparenz, was alles gehen könnte, und die schwindende Kraft äußerer Anhaltspunkte – also Normen und Institutionen, die bei der Entscheidung Orientierung bieten – dazu, dass das Individuum selbst zum Anhaltspunkt und Verantwortungsträger für das Treffen von Entscheidungen wird.
Die im Industriezeitalter übliche „Normalbiografie“ mit ihren vorgegebenen Eckdaten, zum Beispiel zum linearen Ablauf von Ausbildungszeit, Erwerbs-/Familienphase und Ruhestand, weicht zunehmend einer „Wahl- bzw. Bastelbiografie“, in der jeder seinen Weg selbst gestalten kann, vermeintlich aber auch muss, so die latente gesellschaftliche Erwartung. Und diese Entwicklung bezieht sich nicht nur auf die Berufswahl, sondern beispielsweise auch auf generelle Lebensstilpräferenzen und Konsumentscheidungen (siehe unter anderem Beck, 1986; Gross, 1994; Junge, 2002; Schwartz, 2004; Reckwitz, 2017).
Während Multioptionalität und „Wahlbiografie“ eine Reihe von Chancen mit sich führen, lassen sich aber die entsprechenden Risiken und Nachteile nicht unter den Tisch kehren. So ermöglicht uns die zunehmende Vielzahl an Optionen in der westlichen Welt nicht nur mehr (Wahl-)Freiheit und Selbstbestimmtheit, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, sofern nicht Hemmnisse durch fehlende finanzielle Ressourcen oder andere persönliche Einschränkungen bestehen; die aus der Befreiung von Traditionen resultierende Vergrößerung der Handlungsspielräume eröffnet auch zunehmende Freiräume bei der Gestaltung der eigenen Identität. Viele unserer Entscheidungen sind identitätsprägend, was es uns ermöglicht, uns immer wieder neu zu erfinden und uns nicht nur die Frage „Wer bin ich?“ zu stellen, sondern auch „Wer will ich sein?“ (Bleisch, 2024; Junge, 2002).
Doch all das bleibt nicht folgenlos für die Wahrnehmung einer Vielzahl von damit einhergehenden Risiken und Nachteilen, die „Kehrseite der Medaille“ der Multioptionalität. So führt diese zu einem gefühlten Entscheidungs- und Perfektionsdruck, der Furcht vor Fehlentscheidungen, der Angst, etwas zu verpassen („Fear of missing out“), und dem Verlust von Verbindlichkeit (siehe unter anderem Junge, 2002; Przybylski et al., 2013; Reckwitz, 2017). Die Angst, eine falsche Wahl zu treffen oder Chancen zu verpassen, führt zu hohem Erwartungsdruck und gefühlter Last, die Verantwortung für getroffene Entscheidungen übernehmen zu müssen. Dies kann wiederum nach sich ziehen, dass große oder grundlegende Entscheidungen möglicherweise hinausgeschoben oder gar nicht getroffen werden (Junge, 2002).
In psychologischer Hinsicht führt dies oft zu Gefühlen von Überforderung und einer Entscheidungsparalyse („Paradox of Choice“) (Schwartz, 2004). Auch die Soziologen Reckwitz und Rosa (2021) betonen die Schattenseiten der Multioptionalität: So sei das Streben nach Selbstverwirklichung in der westlichen Welt nicht nur individuelle Chance, sondern zunehmend auch eine gesellschaftliche Norm. Der damit einhergehende, scheinbar sozial erwartete „Imperativ der Ausschöpfung aller Möglichkeiten“ (Reckwitz & Rosa, 2021, S. 123) kann einen Erwartungs- und Leistungsdruck auslösen, der neben gefühlter Überforderung auch Lebensenttäuschungen und Gefühle des (vermeintlichen) Scheiterns verursachen kann.
Das Phänomen der Multioptionalität ist ambivalent. Der Wunsch nach Wahlfreiheit und der Wunsch nach Orientierung stehen in einem permanenten Spannungsfeld, das zu erheblichen inneren Konflikten führt, die es mit sich auszutragen gilt.
Was können wir nun tun, um die Chancen, die die Vielfalt an Optionen bietet, zu nutzen und deren Nachteile zu minimieren? Oftmals werden in diesem Kontext die Klärung eigener Ziele, Prioritäten und Werte, sowie das bewusste Zulassen von Entscheidungen als Lernprozess genannt (siehe unter anderem Bleisch, 2024; Simon, 1955). Auch das Loslassen perfektionistischer Tendenzen und die Schärfung des Bewusstseins, dass es ausreichend ist, „gute“ anstatt „perfekte“ Entscheidungen zu treffen, gehen in diese Richtung, ebenso wie die Empfehlung, Optionen bewusst zu reduzieren und Entscheidungsumwelten zu „verschlanken“ (siehe unter anderem Iyengar & Lepper, 2000; Schwartz, 2004).
Doch wie lassen sich diese Empfehlungen konkret umsetzen?
Hier geben Ergebnisse, Interpretationen und Schlussfolgerungen aus einer mit Studierenden im Masterstudiengang Wirtschaftspsychologie durchgeführten qualitativen Studie Aufschluss, die Einblicke in deren persönliche Strategien im Umgang mit Multioptionalität im beruflichen Kontext gewährt:
Multioptionalität ist in der modernen westlichen Gesellschaft ein hart erkämpftes Privileg, aber auch eine Herausforderung. Sie ist ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Wahlfreiheit und Gefühlen der Überforderung bei fehlender Klarheit und Orientierung. Wer bei Entscheidungen auf die eigene innere Stimme hört, Ziele verfolgt, jedoch trotzdem nach links und rechts guckt, verschiedene Dinge unverkrampft ausprobiert und ihnen eine Chance gibt, ferner die Folgen einer Entscheidung als Lernprozess versteht, ist auf einem guten Weg, die wertvollen Chancen der Multioptionalität zu nutzen. Und wir sollten nicht vergessen, dass es gerade vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen in „vielerlei Hinsicht […] nicht nur menschlich [ist], sondern Ausdruck einer luxuriösen Situation, sich überhaupt vor eine Wahl gestellt zu sehen.” (Bleisch, 2024, S. 93/94).
Beck, U. (1986). Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bleisch, B. (2024). Mitte des Lebens. München: Carl Hanser Verlag.
Gross, P. (1994). Die Multioptionsgesellschaft (11. Ausgabe). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Iyengar, S. S., & Lepper, M. R. (2000). When choice is demotivating: Can one desire too much of a good thing? Journal of Personality and Social Psychology, 79(6), 995–1006.
Junge, M. (2002). Individualisierung. Frankfurt / New York: Campus Verlag.
Lindner, D. (2012). Das gesollte Wollen. Identitätskonstruktion zwischen Anspruchs- und Leistungsindividualismus. Wiesbaden: Springer VS Verlag.
Przybylski, A. K., Murayama, K., DeHaan, C. R., & Gladwell, V. (2013). Motivational, emotional, and behavioral correlates of fear of missing out. Computers in Human Behavior, 29(4), 1841–1848.
Nassehi, A. (2011). Soziologie. Zehn einführende Vorlesungen (2. Auflage). Wiesbaden: VS-Verlag.
Reckwitz, A. (2017). Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp Verlag.
Reckwitz, A. & Rosa, H. (2021). Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie? Berlin: Suhrkamp Verlag.
Schwartz, B. (2004). The paradox of choice: Why more is less. New York: HarperCollins Publishers.
Simon, H. A. (1955). A behavioral model of rational choice. Quarterly Journal of Economics, 69 (1), 99–118.
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