26.09.2021

Inklusion im Alltag – mit Gebärdensprache Barrieren überwinden

Ratgeber von Janina Raeder

Die Mimik spielt in der Gebärdensprache eine große Rolle.

Es gibt viele Möglichkeiten, um das Miteinander barrierefrei zu gestalten – doch was vielleicht barrierefrei erscheint, ermöglicht nicht immer die einwandfreie Kommunikation zwischen Menschen mit und ohne Handicap. Gehörlose werden oft nicht verstanden und stehen im Gegensatz zu Blinden im Alltag ganz anderen Herausforderungen gegenüber. Wenn Lautsprache für die Kommunikation nicht genutzt werden kann, sind viele Hörenden erst einmal mit der Situation überfordert. Sich „mit Händen und Füßen“ zu unterhalten, mag vielleicht funktionieren, aber wie wäre es, wenn mehr Menschen die Grundlagen der Gebärdensprache kennen würden?

Prof. Dr. Carla Wegener hat im August die Sommerakademie Gebärdensprache zum 12. Mal in Idstein veranstaltet. Teilnehmende des Anfängerkurses kamen unter anderem aus den Studiengängen Logopädie (B.Sc.) und Osteopathie (B.Sc.), die mit dem Kurs ihr Know-how für den späteren Berufsalltag mit wertvollem Wissen erweitern konnten. Von gehörlosen Dozierenden lernten sie die Grundlagen der Gebärdensprache. Gebärdensprachdolmetscher:innen halfen im Kurs dabei, die Verständigung zwischen Hörenden und Gehörlosen zu gewährleisten. Dozentin und Dolmetscherin Prof. Dr. Helen Leuninger gab für Fortgeschrittene auch einen Kurs über die Semantik der Gebärdensprache und sprach unter anderem darüber, ob es „Versprecher“ auch in der Deutschen Gebärdensprache gebe.

In Deutschland gibt es übrigens einen Mangel an Gebärdensprachdolmetscher:innen. In manchen Regionen gibt es sogar gar keine Dolmetscher:innen, obwohl alle Gehörlosen einen Rechtsanspruch auf eine Person haben, die ihnen beispielsweise bei Terminen beim Amt oder vor Gericht bei der Verständigung hilft.

Gebärden, die alle verstehen?

Die eine Gebärdensprache gibt es nicht – wie auch bei Lautsprachen existieren verschiedene Gebärdensprachen. Sogar Dialekte gibt es. Gebärdensprache folgt einem individuellen grammatischen System und lässt sich nicht 1 zu 1 übersetzen. Das ist in etwa vergleichbar wie bestimmte Phrasen oder Ausdrücke im Englischen, die wörtlich übersetzt auf Deutsch überhaupt keinen Sinn ergeben würden und dementsprechend umformuliert werden müssen. Die Übersetzung der Gebärdensprache ist daher ebenfalls sehr komplex.

Gebärdensprache ist dreidimensional. Bewegung, Gestik und Mimik spielen daher eine sehr wichtige Rolle bei der Verständigung mit Gehörlosen. Je nach Mimik kann eine Gebärde eine andere Bedeutung haben. Um auch als hörender Mensch gut auf Gehörlose reagieren zu können, sollte daher stets auch auf den Gesichtsausdruck geachtet werden. Ohne die Mundbewegung oder eine ausdrucksstarke Mimik kann das Gebärdete nicht immer richtig interpretiert werden.

Wir zeigen hier im Video mit einem unserer gehörlosen Dozenten und einem hörenden Teilnehmer der Sommerakademie, wie die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden klappen kann – auch wenn man die deutsche Gebärdensprache nicht kennt.

Tipps für die Kommunikation

Eine gehörlose Person kann natürlich nicht reagieren, wenn sie von hinten oder von der Seite angesprochen wird. Ein Antippen an der Schulter ist daher zur Kontaktaufnahme völlig in Ordnung. In der aktuellen Situation macht auch das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung die Kommunikation für Gehörlose sehr schwierig. Sie können weder von den Lippen ablesen noch ist die Mimik, beispielsweise ein Lächeln, eindeutig identifizierbar. Aus diesem Grund haben einige Bundesländer in ihren Coronaschutzverordnungen hervorgehoben, dass bei der Kommunikation mit Gehörlosen die Maske abgenommen werden darf. Dies gilt beispielsweise unter anderem in Nordrhein-Westfalen und Hamburg.

Während des Gesprächs sollte Blickkontakt gehalten werden. Häufig passiert es, dass Hörende beim Sprechen woanders hinschauen, den Blick schweifen lassen oder sich sogar wegdrehen. Bei der Kommunikation mit Gehörlosen sollte dies vermieden und auf eine ausgeprägte Aussprache und Mimik geachtet werden.

Wenn sich die Beteiligten trotzdem nicht verstehen und auch grundlegende Gebärden nicht weiterhelfen, kann Schreiben helfen. So gelingt eine Wegbeschreibung oder eine Nachfrage.

Gebärdensprachdolmetscher:in werden

Sie möchten die Gebärdensprache erlernen oder sich fortbilden und Dolmetscher:in werden? Bei uns haben Sie verschiedene Möglichkeiten. In der Sommerakademie Gebärdensprache, die jährlich stattfindet, bieten wir beispielsweise Einsteiger-, Fortgeschrittenen- und Konversationskurse an. Die Weiterbildung richtet sich an Menschen, die die deutsche Gebärdensprache bereits beherrschen und beruflich zukünftig als Dolmetscher:in tätig sein möchten.

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