16.04.2022

Wenn die Stimme „fehlt“ – von Gebärdensprache bis zum Lichtsignal

Beitrag von Janina Raeder

Gesang und vieles mehr ist abhängig von ihr. Sie ist Teil von Redewendungen und wichtiger Bestandteil unserer Kommunikation: Die Stimme. Weil sie aus psychologischer, biologischer, logopädischer und sozialer Sicht wichtig ist, wurde der 16. April im Jahre 1999 zum Welttag der Stimme ernannt. Ob wir reden, Musik hören oder Emotionen zum Ausdruck bringen, Lautsprache und andere Geräusche sind ein fester Bestandteil unseres Alltags. Doch wie sieht es aus, wenn Stimme nicht das vorrangige Kommunikationsmittel ist? Wie finden sich Gehörlose in einer stimmorientierten Welt zurecht? Julia Cramer, Dozentin im Studiengang Gebärdensprachdolmetschen (B.A.) erklärt, wie sich ein Alltag ohne den Gebrauch der Stimme gestaltet.

Kommunikation ohne Stimme

„Wir haben verschiedene Möglichkeiten, Stimme zu ersetzen“, meint Julia Cramer und führt aus: „Wenn jemandem plötzlich die Stimme fehlt, ist das erste Hilfsmittel in der Regel das Schreiben, wodurch stimmliche Kommunikation ersetzt werden kann.“ Problematisch hierbei ist jedoch: Klangfarbe, Ausdruck, Betonung und vieles mehr fällt weg. „Emojis werden dann ganz gerne genutzt, um das auszugleichen. Trotzdem kann es natürlich zu Missverständnissen kommen“, gibt die Dozentin zu bedenken. Emotionen können hingegen sehr gut mit der Deutschen Gebärdensprache vermittelt werden, sodass eine ausdrucksstarke und verständliche Kommunikation auch ohne den Gebrauch der Stimme möglich ist.

„In der Gebärdensprache sind Mimik und Körperhaltung ganz wichtig, um das auszudrücken, was bei stimmlicher Sprache sonst durch Betonung oder Lautstärke ausgedrückt wird. Darüber hinaus können auch die Gebärden selbst anders ausgeführt werden. Wenn jemand beispielsweise wütend oder aufgeregt ist, werden die Gebärden größer oder auch schneller,“ erklärt Cramer.

Portrait von Julia Cramer
Dozentin Julia Cramer

Gebärdensprachdolmetscher:innen als Bindeglied

Wenn Gehörlose auf Hörende treffen und ein Übertragen von Laut- in Gebärdensprache und umgekehrt notwendig wird, stehen Gebärdensprachdolmetscher:innen vor der Aufgabe, nicht nur das Gesagte zu übertragen, sondern auch die Emotionen und Stimmlage zu berücksichtigen. Gebärdet jemand mit einer traurigen Mimik, muss auch das Gedolmetschte traurig klingen. Beim Transfer von Gebärdensprache in Stimme spricht man daher auch vom Voicen. „Man muss diese ganzen Elemente der Sprache und Stimmung erkennen und ihnen Ausdruck verleihen. Das gilt auch andersherum. Erhebt jemand wütend die Stimme, müssen die Gebärden das zeigen. Natürlich ist da zu bedenken, dass eine weibliche Dolmetscherin zum Beispiel nicht einfach mit einer männlichen Stimme voicen kann, wenn sie einen Mann dolmetscht, was beim Dolmetschen am Telefon manchmal zu Verwirrung führt“, so die Dozentin. Das Wahrnehmen von Mimik, der Gebärden oder anderer Signale kann das Hören von Stimme ersetzen. Tatsächlich gibt es auch bei Gebärdensprachnutzer:innen, die die Stimme nicht für die Kommunikation nutzen, stimmliche Äußerungen, beispielsweise Schmerzenslaute, wenn jemand sich gestoßen hat.

Ähnlich ist es mit dem Hören von Musik. Natürlich können die meisten Gehörlosen oder Hörgeschädigten Musik und Gesang nicht im klassischen Sinne hören. Sehr wohl können aber Vibrationen verspürt werden und auch das Gebärden von Konzerten ist möglich. Cramer erzählt: „Ich habe selbst tatsächlich neulich erst ein Konzert als Dolmetscherin begleitet. Wenn man Songs dolmetscht, kann man den Text gebärden und sich rhythmisch dazu bewegen. Die einzelnen Instrumente werden eher nicht gebärdet, sehr wohl aber die Geschwindigkeit oder auch die Lautstärke des Songs. Die reine Information, dass da ein Klavier spielt, ist für Gehörlose meist nicht so interessant, Texte und Stimmungen hingegen schon.“

Visuelle Signale ersetzen Laute

Wichtige Elemente der Kommunikation basieren nicht nur auf Stimme, sondern generell auf Geräuschen. „Schreit im Nachbarzimmer ein Baby, kann eine gehörlose Mutter das über ein klassisches Babyfon nicht hören. Dafür gibt es Geräte, die Lichtsignale oder Vibrationen aussenden, sodass die Mutter weiß, dass das Baby schreit“, führt Julia Cramer als Beispiel an. Ähnliche Funktionen bieten Smartphones, die beim Empfang einer Nachricht oder eines Anrufs Lichtsignale aussenden. Der klassische Vibrationsalarm ist auch bei Hörenden beliebt, wenn das Handy nicht laut klingeln soll.

Gehörlose gleichen die Funktion von Stimmen und Geräuschen häufig durch visuelle Eindrücke aus. Blinklichter oder auch das Verhalten von Mitmenschen spielen hier eine große Rolle. Das gilt auch für Menschen, die mit der Zeit schwerhörig werden. „Man wird dann einfach vorsichtiger, wenn man zum Beispiel eine Straße überquert. Da gewöhnen sich Menschen eben an, mehr als einmal hinzuschauen, um das fehlende auditive Feedback auszugleichen. Wenn Hörende mit Kopfhörern unterwegs sind, hören sie die Umgebung ja auch nicht mehr und schauen zwei Mal hin, orientieren sich an visuellen Eindrücken. Das ist für Gehörlose Alltag“, schließt die Dozentin. Gebärdensprache und Gebärdensprachdolmetschen gleichen schlussendlich durch Stimme ausgelöste Emotionen und Sprache aus. So kann man sich mit mehr Menschen unterhalten – auch, wenn die Stimme mal fehlt.

Mehr über Dolmetscher:innen und ihre Arbeit gibt es hier:
Beitrag: Dolmetschen ist auch Kulturmittlung
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