Homo ignorance – im Angesicht der Selbstzerstörung

Der Earth Overshoot Day bezeichnet den Tag im Jahr, an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat, die die Erde innerhalb eines Jahres wiederherstellen und damit nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Ein Tag, der jedes Jahr früher kommt. Prof. Dr. Stephan Haubold, Studiendekan Wirtschaftschemie (B.Sc.), warnt uns in seinem Gastbeitrag eindringlich, dass wir genau jetzt unsere Lebensweise grundlegend ändern müssen.

ICH GLAUBE…

Ich glaube, dass das Ziel allen menschlichen Handelns ist, glücklich zu werden. Auch wenn Glück ein subjektives und ziemlich komplexes Gefühl ist, sind sich Mainstream-Ökonomen und Politiker sicher, dass persönlicher und materialistischer Reichtum den Menschen glücklich macht. Daher schufen sie das Modell des Homo oeconomicus1 und richteten ihre Entscheidungen und Ziele nach diesem Modell aus, das unseren Planeten und die Menschheit in Richtung Zerstörung treibt.

Nach 180 Jahren Industrialisierung scheint es für viele Entscheidungsträger eine totale Überraschung zu sein, dass der Planet, auf dem wir leben, endlich ist. Was tatsächlich für uns alle überraschend kam, war die Tatsache, dass uns nicht zuerst die Ressourcen ausgingen, sondern die Senken, um unseren Abfall zu kompensieren. Die Senken für Chemikalien, Treibhausgase und Kunststoffe sind voll und als Folge davon heizt sich der Planet auf, verliert in rasantem Tempo Artenvielfalt, Süßwasservorräte und fruchtbares Land zum Leben.

Wie können wir dieses selbstzerstörerische Verhalten stoppen? Gibt es einen Weg, nicht zu wachsen und gleichzeitig glücklich zu sein? Ich bin überzeugt, dass wir dafür bei unserem Selbstverständnis anfangen müssen. Wer sind wir Menschen? Wie verhalten wir uns? Was bringt uns dazu, uns zu verändern? Mit anderen Worten: Wir brauchen ein neues Modell des Homo sapiens.

Prof. Dr. Stephan Haubold ist Studiendekan für die Studiengänge Wirtschaftschemie (B.Sc.) Vollzeit und berufsbegleitend sowie Wirtschaftschemie (M.Sc.) an der Hochschule Fresenius. Außerdem ist er begeisterter MINTrepreneur. Neben seiner Dozententätigkeit an der Hochschule Fresenius ist er als Unternehmensberater mit dem Schwerpunkt Unternehmenskultur und Gründercoaching tätig.

Blogbeitrag “Gründer, Unternehmer, Dozent”

… WIR MÜSSEN ERKENNEN

Ewiges Wachstum ist physikalisch unmöglich. Komplexe Strukturen, z.B. Stahl oder Beton, bestehen aus Molekülen, die wiederum aus Atomen bestehen. Es kann daher niemals mehr komplexe Strukturen geben als Moleküle- oder mehr Moleküle geben als es Atome auf dieser Welt gibt. Soweit, so trivial.

Die Grundlage unserer Wirtschaft ist es, komplexe Strukturen aus Atomen zu produzieren, die aus unserer Umwelt gewonnen werden.

Jeder einzelne dieser Gewinnungsprozesse benötigt Energie, die direkt oder indirekt in Form von Biomasse oder in Form von Öl, Kohle und Gas in konzentrierter Form gespeichert ist.

Jedes Mal, wenn wir Atome oder Moleküle in komplexere Strukturen umwandeln, verteilen wir diese konzentrierte Energie in Form von Wärme unwiderruflich in unserer Umwelt und emittieren CO2.

Normalerweise ist die Erde in der Lage Wärme mit dem uns umgebenden Raum auszutauschen. Es sei denn, wir packen uns in eine mit CO2 oder Methan angereicherte Atmosphäre, die die Wärme zurück zur Erde reflektiert und uns damit „schön warm hält“.

In der Wirtschaft gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur eine zentrale Kennzahl: das Wachstum des BIP (Bruttoinlandsprodukts). Nicht, weil dies ein Naturgesetz ist, sondern weil das Modell, das zur Erklärung des menschlichen Glücksstrebens verwendet wird, besagt, dass Menschen glücklicher sind, wenn sie mehr als weniger haben.

Dieses Modell bezieht sich nur auf materialistisches Wachstum. Demzufolge hängt das Glück einer Gesellschaft nur von einer wachsenden Wirtschaft ab. Dieser Wettlauf um den größten BIP-Wachstums-Prozentsatz hat dazu geführt, dass wir nicht nur das Gesicht einiger weniger, weit entfernter und menschenleerer Region verändert haben, sondern das Gesicht unseres gesamten Planeten.

… UNS VERÄNDERN

Doch macht uns der materielle Wohlstand wirklich glücklich? Verhindert er, dass sich Gesellschaften radikalisieren oder in den Krieg zu ziehen? Ich glaube, die Antwort lautet: Nein. In manchen Gesellschaften hat eine große Mehrheit der Menschen mehr Nahrung als sie essen können2, mehr Kleider als sie tragen können und mehr Freizeit als sie jemals mit Konsum füllen könnten. Und trotzdem sehen wir wie in Europa und den USA radikale Parteien auf dem Vormarsch sind und Menschen nicht für materiellen Reichtum, sondern für persönliche Rechte und Gerechtigkeitdemonstrieren. Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigen Studien, dass zwar das BIP in vielen Ländern wächst, sich die entsprechenden Glücksindikatoren jedoch nicht parallel entwickeln4.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch überleben will, ist es höchst überraschend, dass er wir die einzige Spezies auf der Erde zu sein scheinen, die wissentlich ihren Lebensraum zerstört und gleichzeitig diese Tatsache leugnet. Also, entweder sind wir unverrückbar „on a highway to hell“, oder unsere Perspektive darauf wie wir Menschen funktionieren ist fundamental falsch. Da ich ein Optimist bin und die Geschichte gezeigt hat, dass der Mensch sowohl sich als auch seine Umwelt fundamental verändern kann, bevorzuge ich Letzteres.

Im August 2020 erreichte die „Polarstern“, ein deutscher Eisbrecher, auf dem Seeweg den Nordpol5. Wir sahen, wie Kalifornien6 und Australien7 brannten und Deutschland das dritte Jahr in Folge unter einer Dürre in Folge litt8. Der Klimawandel und seine fundamentale Bedrohung für alle Arten auf der Erde finden mit steigender Geschwindigkeit statt. Wir müssen handeln – jetzt.

Dennoch schlagen Ökonomen vor, den Klimawandel mit grünem Wirtschaftswachstum zu bekämpfen9. zum Beispiel sollen so viele E-Autos wie möglich genutzt werden, um den CO2-Ausstoß zu bekämpfen. Kurzfristig mag das eine Lösung sein. Doch schnell müssen wir anerkennen, dass Elektroautos aus etwas gemacht sind, das aus etwas gemacht ist. Wir sind also wieder da, wo wir angefangen haben. Es wird anderer, aber zusätzlicher Abfall produziert. Land, Luft und Wasser werden zerstört, die Senken werden sich weiter füllen und das Ökosystem weiter überlastet. Wir haben das Problem nur von der einen „Ecke“ unseres runden Planeten in eine andere verschoben.

Überraschend ist diese Entwicklung nicht. Erste Äußerungen sind bereits aus dem Jahr 1912 dokumentiert, die einen Temperaturanstieg vorhersagen, wenn wir mit der gleichen Geschwindigkeit CO2 in die die Atmosphäre ausstoßen10. Eine Prophezeiung, die sich angesichts der neuesten Daten bewahrheitet hat. Die Petrochemische Industrie wusste bereits 1978 mit Sicherheit, was sie taten. Exxon hatte ein Team von Wissenschaftlern beauftragt, die Auswirkungen der Verbrennung fossiler Brennstoffe auf das Klima zu untersuchen. Das Ergebnis war eindeutig: Die globale Durchschnittstemperatur würde um zwei bis drei Grad Celsius steigen, wenn sich die CO2-Konzentration in der Atmosphäre verdoppelt. Als Konsequenz begann Exxon Lobbyarbeit gegen Maßnahmen zur Klimavorsorge für die nächsten Jahrzehnte zu betreiben11. Dieses Verhalten ist kurzsichtig, irrational und irritierend für jeden, der mit den Naturgesetzen auch nur ein wenig vertraut ist.

Wir müssen handeln. Wir alle. Und ich bin überzeugt, dass wir ein neues Modell des Homo sapiens brauchen, das den Bürgern, den Politikern und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern Orientierung gibt.

…UND AKZEPTIEREN, WER WIR SIND

Ich möchte Ihnen daher, die Merkmale des Models „Homo ignorance“, wie ich sie sehe, vorstellen und zur Diskussion stellen:

FAZIT

Der Homo ignorance ist weder gut noch schlecht. Er ist. Sobald wir in der Lage sind, dies zu akzeptieren, ohne andere zu beschuldigen oder uns selbst zu beschämen, können wir uns weiterentwickeln. Angenommen, der Homo sapiens ist Homo ignorance, was bedeutet das für unsere politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen?

Ohne die Akzeptanz eines neuen Modells werden wir versuchen, unsere Probleme mit denselben Strategien zu lösen, die wir in den letzten Jahrhunderten angewandt haben und die uns geradewegs in die Katastrophe führen.

Mehr vom Selben wird nicht hilfreich sein. Deshalb appelliere ich eindringlich an meine Mit-Homo-Ignoranten, zu akzeptieren, wer wir sind, und sich mit mir auf den Weg zu machen, um die Art und Weise, wie wir leben, zu ändern, und zwar jetzt.


Quellen:

1 Ingram, John Kells. A History of Political Economy. 1888.

2 Collaborators, Global Burden of Disease (GBD) 2015 Obesity. Health Effects of Overweight and Obesity in 195 Countries over 25 Years. The New England Journal of Medicine : s.n., June 2017. pp. 13-27. Vol. 377.

3 Immerzeel, Jasper Muis and Tim. Causes and consequences of the rise of populist radical right parties and movements in Europe. Current Sociology. 10 01, 2017, Vol. 65, 6, pp. 909-930.

4 R. Constanza, J. Farley and P. Templet. Quality of Life and the Distribution of Wealth and Resources. In R. Costanza and S. E. Jörgensen, eds. Understanding and Solving Environmental Problems in the 21st Century: Toward a New, Integrated Hard Problem Science,Amsterdam: Elsevier, 2002.

5 Humpert, Malte. The Artic Institute. [Online] August 23, 2020. https://www.thearcticinstitute.org/polarstern-reaches-north-pole/.

6 Shannon, Wyatte Grantham-Philips and Joel. USA TODAY. [Online] August 21, 2020.https://eu.usatoday.com/story/news/nation/2020/08/21/california-wildfires-how-manyburning-what-we-know/3406246001/.

7 n.a. BBC News. [Online] January 31, 2020. https://www.bbc.com/news/world-australia-50951043.

8 Hogan, Michael. reuters. [Online] April 22, 2020. https://www.reuters.com/article/usgermany-harvest-drought/germany-concerned-at-possibility-of-third-straight-drought-yearidUSKCN2241NZ.

9 Parrique T., Barth J., Briens F., C. Kerschner, Kraus-Polk A., Kuokkanen A., Spangenberg J.H. Decupeling Debunked: Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability. s.l. : European Environmental Bureau, 2019.

10 anonymous. Coal Consumption Affecting Climate. The Rodan & Otamatea Times. August 12, 1912, p. Science Notes and News.

11 Neela Banjeree, Lisa Song and David Hasemeyer. EXXON: The Road Not Taken. inside climate news. [Online] September 16, 2015. https://insideclimatenews.org/content/Exxon-The-Road-Not-Taken.

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