11.05.2021

Was macht ein Wirtschaftspsychologe?

von Ramona Kohlen

Wirtschaftspsychologen und Wirtschaftpsychologinnen sind in der Wirtschaft immer gefragter, denn Unternehmen aller Branchen setzen auf die Fähigkeiten und Expertise der ausgebildeten Fachkräfte. Um in diesem Beruf tätig zu werden, müssen Sie in den meisten Fällen ein entsprechendes Studium vorweisen. Doch welche Tätigkeiten übernehmen Personen mit wirtschaftspsychologischem Hintergrund und wie sehen die Berufschancen nach dem Studium aus? Und was macht ein Wirtschaftspsychologe eigentlich? Im Interview gibt Dr. phil. Ulrich Hößler, Studiengangsleiter Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) im Fernstudium der Hochschule Fresenius, wertvolle Einblicke in die Arbeit von Wirtschaftspsychologen.

Die Wirtschaftspsychologie beschreibt ein Berufsfeld, in dem sowohl psychologische als auch wirtschaftswissenschaftliche Inhalte kombiniert und diese im Kontext des menschlichen Verhaltens vereint werden. Unternehmen gewinnen so wichtige Erkenntnisse, wenn es zum Beispiel um die Einführung neuer Produkte oder die Durchführung von Maßnahmen zur Mitarbeiterzufriedenheit geht.

Gesellschaftliche Fragen im wirtschaftlichen Kontext – Die Arbeit eines Wirtschaftspsychologen

Wie müssen Unternehmen der digitalen Zukunft gestaltet sein und wie können die notwendigen Kompetenzen und Change Prozesse entwickelt werden? Wie möchten Kunden angesprochen werden, um Kaufwahrscheinlichkeit und Markentreue zu erreichen? Wie können Angestellte ganzheitlich motiviert werden, um den Unternehmenserfolg zu fördern?

Das junge interdisziplinäre Feld der Wirtschaftspsychologie verbindet betriebswirtschaftliche Fragen mit psychologischen Blickwinkeln und beschäftigt sich mit psychologischen Prozessen in wirtschaftlichen Situationen. Wirtschaftspsychologen sind qualifiziert, mittels wissenschaftlich-fundierter psychologischer Konzepte und Methoden menschliches Handeln im wirtschaftlichen Kontext zu analysieren, zu erklären und zu beeinflussen.

Wirtschaftspsychologen untersuchen verschiedene Verhaltensmuster von Menschen und Unternehmen, aber auch anderen relevanten Gruppen. Je nach Tätigkeitsfeld beschäftigen sich Wirtschaftspsychologen mit dem Kauf- und Konsumverhalten, der Marktforschung oder dem Marketing. Gleichermaßen werden Personalentwicklung, Unternehmensberatung oder Coachings häufig ebenfalls von Wirtschaftspsychologen durchgeführt.

Berufschancen als Wirtschaftspsychologe

Als Wirtschaftspsychologe stehen Ihnen zahlreiche Türen in spannenden Wirtschaftszweigen und Branchen offen. In der Regel arbeiten Sie mit wirtschaftlichen Analysen sowie Studien und setzen sich intensiv mit Ihren Zielgruppen oder Konsumenten auseinander. Um unternehmerische Fragestellungen zu beantworten, nutzen Sie erlernte psychologische Methoden und inkludieren wirtschaftswissenschaftliche Gesichtspunkte in ihre Arbeit.

Welchen Weg Sie einschlagen, können Sie bereits während Ihres Studiums durch die Wahl Ihrer Schwerpunkte maßgeblich mitbestimmen. Ganz gleich, ob Sie sich für eine Karriere im Personalbereich entscheiden, im Marketing tätig werden wollen oder in der Marktforschung arbeiten möchten: Ihre Berufschancen als Wirtschaftspsychologe sind ausgesprochen gut und vor allem zukunftssicher.

Als Wirtschaftspsychologe können Sie zum Beispiel in folgenden Bereichen tätig werden:

  • Marketing
  • Werbung
  • Marktforschung
  • Produktdesign
  • Arbeitssicherheit
  • Unternehmenskommunikation
  • Organisationsdiagnose
  • Recruiting
  • Coaching
  • Unternehmensberatung

Zudem entstehen, besonders in Zusammenhang mit der digitalen Transformation, immer mehr Berufsfelder, die nicht nur neu, sondern auch stark zukunftsorientiert sind. Dazu zählen beispielsweise:

  • Behavioral Finance
  • Behavioral Marketing
  • Customer Insights
  • Big Data
  • Strategieberatung
  • Policy Design

Mehr Informationen über das Thema “Wirtschaftspsychologie studieren, Bachelor, Master und Berufschancen” haben wir für Sie zusammengefasst.

Wirtschaftspsychologie studieren

Die besten Chancen, eine Karriere als Wirtschaftspsychologe anzustreben, stellt ein Bachelor- oder Masterstudium dar. An der Hochschule Fresenius haben Sie diverse Möglichkeiten, Wirtschaftspsychologie zu studieren. Ganz gleich, wie Ihre aktuelle Lebenssituation ist, bei uns finden Sie das passende Studienformat:

Wirtschaftspsychologie (B.A.) Vollzeit

Wirtschaftspsychologie (B.A.) Fernstudium

Wirtschaftspsychologie (M.A.) Vollzeit

Kurzfristige Managementkonzepte wie Hire and Fire greifen nicht mehr

Dr. phil. Ulrich Hößler, Studiengangsleiter Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) im Fernstudium
Dr. phil. Ulrich Hößler, Studiengangsleiter Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) im Fernstudium

Dr. phil. Ulrich Hößler vereint wichtige Praxiserfahrung mit moderner Lehrkompetenz: Vor seiner Tätigkeit als Studiengangsleiter für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius war er zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der Universität und Hochschule Regensburg, bevor er sich als Kommunikationstrainer und systemischer Organisationsberater selbständig machte. Für seine Kunden aus der Privatwirtschaft und dem öffentlichen Dienst bearbeitete er Themen wie Change Management, Gesundheitsmanagement, Projektmanagement, interkulturelle Qualifizierung, Führungs- und Kommunikationskompetenz.

Im Interview beantwortet er die wichtigsten Fragen rund um das dynamische Berufsfeld von Wirtschaftspsychologen und Wirtschaftspsychologinnen.

Warum wird Wirtschaftspsychologie für Unternehmen immer wichtiger?

Wir leben jetzt schon in einer hochkomplexen Wirtschaftswelt und die Komplexität wird durch die Megatrends Digitalisierung, Flexibilisierung und Globalisierung noch weiter zunehmen. Dadurch werden die Anforderungen an Fach- und Führungskräfte, aber auch deren Ansprüche und Bedürfnisse immer höher. Simple und kurzfristige Managementkonzepte wie Hire and Fire, autoritärer Führungsstil oder höhere Bezüge bei erhöhtem Leistungsdruck, die jahrzehntelang einigermaßen funktionierten, greifen da nicht mehr. Es kommt darauf an, eine Wirtschaftsumgebung zu gestalten, die eine möglichst reibungslose, effektive und effiziente Kooperation zwischen Menschen ermöglicht, die Interaktion zwischen Menschen und technischen Systemen verbessert, die Motivation, Zufriedenheit und Gesundheit aller Beteiligten erhält und deren Potenziale optimal nutzt. Die Wirtschaftspsychologie ist nun mal die relevante Disziplin, wenn es um menschliches Erleben und Verhalten in Wirtschaftskontexten geht.

Welche typischen Aufgaben übernimmt man nach dem Studium?

Gleich nach dem Studium wird man wahrscheinlich zunächst in vorwiegend assistierenden, administrativen oder organisatorischen Tätigkeiten eingesetzt werden. Aber mit zunehmender Arbeitserfahrung werden die Einsatzbereiche schnell verantwortungsvoller und komplexer, von der Konzipierung und Durchführung von Weiterbildungsmaßnahmen wie Trainings oder Seminaren über Einzelinterventionen wie Coaching oder Betreuungsaufgaben bis hin zu eigenständig geplanten, verantworteten und umgesetzten Beratungs- und Entwicklungsprojekten wie die Begleitung von Change-Prozessen oder angewandte Forschung in Form von Konsumenten- oder Mitarbeiterbefragungen. Ein großes Betätigungsfeld für Wirtschaftspsychologen ist natürlich der gesamte Human-Resources Bereich mit seinen eignungsdiagnostischen Verfahren. Große Potenziale sehe ich im Hinblick auf die Digitalisierung und Entwicklung Künstlicher Intelligenz auch in der Mensch-Technik-Interaktion, User Experience und Usability Research.

Und was macht ein Wirtschaftspsychologe nicht?

Als Wirtschaftspsychologen bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Psychologie und beschäftigen uns mit Themen, die beide Bereiche berühren. Das bedeutet, dass die harten Kernthemen der beiden Mutterdisziplinen nicht zu unseren eigentlichen Betätigungsfeldern zählen. Auf der ökonomischen Seite wären dies z.B. Controlling, Finanzierung, Investment oder Zinspolitik und auf der psychologischen Seite bedeutet dies, dass wir uns generell mit gesunden, nicht kranken Menschen beschäftigen. Immer, wenn es pathologisch wird, also psychische Krankheiten diagnostiziert werden müssen oder therapeutische Intervention nötig ist, sollten wir auf unsere Kolleg:innen aus der klinischen Psychologie verweisen.

Die größten Herausforderungen für Wirtschaftspsychologen sind…?

…Stakeholder aus Wirtschaft und Politik davon zu überzeugen, dass der Fokus auf die Menschen in wirtschaftlichen Zusammenhängen essenziell für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg ist und nicht „überflüssiger Psychokram“, „nice to have“ oder schlicht „zu teuer“.

…den Return on Investment wirtschaftspsychologischer Maßnahmen transparent und überzeugend gegenüber Entscheidungsträger:innen in Wirtschaftskontexten darzustellen.

…Hinter statistischen Analysen stets die Menschen mit ihren individuellen Erfahrungen, Potenzialen, Beeinträchtigungen und Bedürfnissen zu sehen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.

…das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, für die wir Verantwortung tragen.

Welche Eigenschaften sollte man für diesen Beruf mitbringen?

Unabdingbar ist ein ureigenes Interesse für Menschen, was sie motiviert, wie sie ihre Umwelt erleben und wie ihr Verhalten zustande kommt. Ein kritischer, objektiver und analytischer Geist ist ebenfalls nötig sowie der Wille und die Fähigkeit zur stetigen Selbstreflexion. Ausgeprägte Kommunikations- und Sozialkompetenz ist sicherlich auch hilfreich. Schließlich sollte man angesichts der Komplexität und Interdependenz psychischer Phänomene eine gehörige Portion Ambiguitätstoleranz mitbringen, also die Fähigkeit, unklare, uneindeutige und unsichere Informationslagen auszuhalten und sich davon im Handeln nicht beeinträchtigen zu lassen.

Wie schätzen Sie die Berufschancen für Wirtschaftspsychologen in den nächsten zehn Jahren ein?

Ich bin überzeugt davon, dass Wirtschaftspsycholog:innen in nächsten zehn Jahren immer gefragter, wichtiger und einflussreicher werden. Die Entwicklung der letzten Jahre deutet dies bereits an. Selbst Hardcore-Wirtschaftswissenschaftler:innen müssen einräumen, dass sich der „homo oeconomicus“, der stets kühl kalkulierend eine Gewinnmaximierung verfolgt, als Schimäre erwiesen hat. Menschen sind komplexer und ohne Menschen gibt es keine Wirtschaft. Wenn Menschen in ihrer Komplexität nicht ernst genommen werden, können sie nicht optimal zur wirtschaftlichen Wertschöpfungskette beitragen und reagieren zu ihrem eigenen Schaden oder den anderer. Stakeholder in Unternehmen und Organisationen erkennen immer mehr, dass sie Spezialist:innen für menschliche Komplexität brauchen, um langfristig am Markt bestehen zu können.

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