Risiken – aber auch Chancen: Die Folgen des Klimawandels im produzierenden Gewerbe

Die Auswirkungen des Klimawandels haben nicht nur für uns als Gesellschaft, sondern auch für die Wirtschaft eine enorme Bedeutung. Doch wie nehmen Unternehmen diese wahr und wie gehen sie mit ihnen um? Um diese Frage zu beantworten, führten wir, Studierende im Studiengang Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Köln, und Prof. Dr. Mahammad Mahammadzadeh, Studiendekan für Mobilitätswirtschaft (B.Sc.) sowie Professor für Betriebswirtschaftslehre und Nachhaltige Unternehmensführung, eine Befragung unter 72 Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe durch. In unserem Beitrag präsentieren wir ausgewählte Ergebnisse.

Wie relevant die Folgen des Klimawandels für Unternehmen sind, zeigt sich insbesondere in den Erwartungen bezüglich ihrer Risiken und Chancen, wobei der Zeitaspekt eine wichtige Rolle spielt1. Denn Unternehmen sind schon jetzt in unterschiedlicher Form und Stärke von Klimaveränderungen sowie Extremwettereignissen betroffen und werden sich zukünftig noch mehr auf diese einstellen müssen.

Die Klimabetroffenheit ist ein mehrdimensionales Phänomen mit verschiedenen Bestimmungsgrößen, die sich unternehmensspezifisch identifizieren und ermitteln lassen. Dabei haben vor allem die Art (direkt/indirekt), Zeit (gegenwärtig/zukünftig), der Ort (Inland/Ausland), die Wirkungsrichtung (positiv/negativ) und Intensität (stark/schwach) für die Analyse eine große Bedeutung. Die direkte Betroffenheit ergibt sich aus natürlich-physikalischen Klimawandelphänomenen und Extremwetterereignissen, während die indirekte Betroffenheit überwiegend aus den regulatorischen Folgen des Klimawandels, wie zum Beispiel der nationalen und europäischen Gesetzgebung, sowie Auswirkungen auf den Markt resultiert. Angesichts der relativ gemäßigten klimatischen Bedingungen in Deutschland wird hierbei in der Regel die indirekte Betroffenheit stärker als die direkte wahrgenommen.2 Gleichzeitig bilden bei vielen Unternehmen die Zeit und der Ort der Betroffenheit Elemente, die bei der Analyse der Betroffenheitssituation und der Reaktion auf diese berücksichtigt werden müssen. Daher bestimmten wir auch, wann, wo und wie ein Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette positiv oder negativ betroffen ist oder sein wird.

WIE WIRD DER KLIMAWANDEL WAHRGENOMMEN?

Wie nimmt das produzierende Gewerbe die Auswirkungen des Klimawandels wahr und wie gehen Unternehmen mit ihnen auf der Strategie- und Maßnahmenebene um? Diese Frage stand im Fokus unserer Untersuchung, in deren Rahmen wir eine Befragung von 72 nordrhein-westfälischen Unternehmen verschiedener Branchen und Größen konzipierten und durchführten.

Unternehmensgröße der befragten Unternehmen
(N=72 Unternehmen, Angaben in Prozent)

Die zentralen Ergebnisse: Rund 65 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, vom Klimawandel betroffen zu sein, wobei bei Kleinstunternehmen eine stärkere Wahrnehmung deutlich wurde. Aus Branchensicht ist mit 70 Prozent vor allem die Stahlindustrie betroffen, dicht gefolgt von der Metall- und Maschinenbauindustrie. Darüber hinaus gaben alle fünf befragten Unternehmen aus der Holzbranche an, vom Klimawandel betroffen zu sein, wogegen Unternehmen aus der chemischen Industrie mit etwa 33 Prozent den geringsten Anteil an Klimabetroffenen aufwiesen. Zugleich wurde die Frage nach dem Ort der Betroffenheit weitestgehend ausgeglichen beantwortet: Hier gaben rund 58 Prozent der Unternehmen an, im Inland betroffen zu sein, wohingegen 50 Prozent im Ausland betroffen sind.

Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich für die Unternehmen auf vielfältige Weise, wie die untenstehende Abbildung verdeutlicht. Zudem wird von etwa 40 Prozent der Befragten eine marktreduzierte Betroffenheit zum Beispiel durch Absatzrückgänge und von 34 Prozent eine direkte Betroffenheit durch Schäden an Gebäuden, Anlagen und am Fuhrpark wahrgenommen. Doch die Unternehmen sehen im Klimawandel nicht nur Risiken, sondern auch Chancen: So bejahen 36 Prozent eine steigende Nachfrage nach Klimaschutz- und Anpassungsgütern.

Wahrnehmung der klimawandelbedingten Risiken
(N=47 Unternehmen, Angaben in Prozent, Mehrfachnennungen)

WIE REAGIEREN UNTERNEHMEN AUF DEN KLIMAWANDEL?

Der Klimawandel lässt sich gegenwärtig nicht vollständig aufhalten. Dennoch müssen sein Ausmaß und seine Intensität mit gezielten Gegenstrategien begrenzt werden. Dabei ist eine integrierte Doppelstrategie aus Klimaschutz und Klimaanpassung notwendig, wobei Klimaschutz im Sinne einer Vermeidungsstrategie alle Handlungen und Aktivitäten umfasst, die dazu geeignet sind, Klimaveränderungen aufzuhalten, zu verlangsamen oder zu mindern. Der Hauptmechanismus ist hierbei die Reduktion von Treibhausgasemissionen3. Dagegen dienen Anpassungsmaßnahmen der Bewältigung der Klimafolgen und zielen darauf ab, „die Risiken und Schäden gegenwärtiger und künftiger negativer Auswirkungen kostenwirksam zu verringern und potenzielle Vorteile zu nutzen“4.

In unserer Befragung gaben fast 78 Prozent der Unternehmen an, Maßnahmen zum Klimaschutz getroffen zu haben. Prägnant ist dabei, dass mittelständische sowie Kleinst- und Großunternehmen diese jeweils zu über 80 Prozent, Kleinunternehmen aber nur zu knapp 54 Prozent ergriffen haben. Auch das Spektrum der Klimaschutzmaßnahmen ist breit gefächert und erstreckt sich von Abfalltrennung und Recycling über ein Angebot an Dienstfahrrädern und Dienstreisen per Bahn bis hin zum Einsatz von erneuerbaren Energien und klimafreundlichen Technologien sowie Maßnahmen zur CO2-Reduktion. Mit einem Anteil von rund 77 Prozent wurde hierbei am häufigsten die Trennung von Müll genannt. Darüber hinaus wurden von 70 Prozent der Befragten Recyclingmaßnahmen und Maßnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstoßes realisiert.

Klimaschutzmaßnahmen der befragten Unternehmen
(N=56, Angaben in Prozent, Mehrfachnennungen)

Die Befragung zeigte zudem, dass mittelständische Betriebe und Großunternehmen in Bezug auf Klimaanpassungsmaßnahmen eine Vorreiterrolle einnehmen, während Kleinstunternehmen am seltensten Maßnahmen ergreifen. Zugleich gaben 90 Prozent der Befragten aus der Stahlindustrie und alle Unternehmen aus der chemischen Industrie an, Anpassungsmaßnahmen getroffen zu haben. Die am häufigsten genannten Maßnahmen waren Anpassungen in der Logistik und eine klimagerechte Anpassung der Büroräume: So haben rund 63 Prozent der Befragten bereits Anpassungsmaßnahmen im Logistikbereich vorgenommen, wobei mit 83 Prozent der größte Anteil aus mittelständischen Unternehmen stammt. Ebenso haben 54 Prozent der Unternehmen ihre Büroräume an Temperaturextrema angepasst und die Hälfte der Befragten hat Nachrüstungen an Gebäuden und Anlagen vorgenommen, um Schäden durch extreme Wetterereignisse zu vermeiden. Versicherungen gegen Extremwetterrisiken wurden von fast 38 Prozent der Befragten in Anspruch genommen.

Klimaanpassungsmaßnahmen der befragten Unternehmen
(N=56, Angaben in Prozent, Mehrfachnennungen)

RISIKEN VERMEIDEN, CHANCEN NUTZEN

Aufgrund ihrer Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung sind Unternehmen heute nicht nur mit den Risiken des Klimawandels konfrontiert. Vielmehr eröffnen sich ihnen auch neue ökonomische Perspektiven. Auch unsere Befragung zeigt, dass 70 Prozent der Unternehmen in ihren Aktivitäten und Maßnahmen vielfältige Chancen erkennen. Dies bejahen zum Beispiel alle Befragten aus der Elektroindustrie und sehen dabei unter anderem in der steigenden Nachfrage nach Klimaanlagen die Möglichkeit zur Erhöhung der Auftragslage, während der Vertrieb umweltfreundlicher Produkte wiederum ihre Attraktivität steigern kann. Darüber hinaus sehen viele der Befragten im wachsenden Bewusstsein für Klima und Umwelt, in der Entwicklung neuer Branchen für erneuerbare Energien und einer höheren Auftragslage infolge einer breiteren Palette an umwelt- und klimafreundlichen Produkten zahlreiche unternehmerische Chancen.

Darüber hinaus haben sich in der Unternehmenspraxis standardisierte Risikomanagementsysteme entwickelt, die als unternehmerische Frühwarnsysteme auch unter dem Aspekt der Sicherstellung eines langfristigen Unternehmenserfolgs zunehmend an Bedeutung gewinnen. Diese scheinen aufgrund ihrer Struktur und Zielsetzung grundsätzlich in der Lage zu sein, Klimarisiken systematisch zu identifizieren, zu erfassen, zu bewerten und zu bewältigen. Aktuell sind sie nur bei Großunternehmen, jedoch nicht bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) vorzufinden.5 Durch ihre Implementierung könnten aber auch diese dazu befähigt werden, die mit dem Klimawandel einhergehenden Risiken ziel- und strategieorientiert zu erkennen und ihnen erfolgreich zu begegnen. Somit könnten die Risiken weiter vermindert oder sogar vermieden werden, was Unternehmen zusätzliche Perspektiven bieten würde.

Über die Autorinnen und Autoren

Elena GöpfertGregor MeilahnAnna Luisa Morrn und Hannah Wiedemann studieren Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Köln. Prof. Dr. Mahammad Mahammadzadeh ist dort Studiendekan für Mobilitätswirtschaft (B.Sc.) sowie Professor für Betriebswirtschaftslehre und Nachhaltige Unternehmensführung.


Literatur

1.Mahammadzadeh, Mahammad (2019): Klimawandel: Chancen und Risiken für betriebliche Funktionsbereiche. In: klimanavigator-Dossier Klimawandel und Wirtschaft – neu, https://www.klimanavigator.eu/dossier/artikel/079449/index.php (letzter Zugriff am 26.02.2021)

2. Mahammadzadeh, Mahammad (2018): Klimaschutz und Klimaanpassung. Betroffenheit-Verletzlichkeit-Strategien. In: Hurrelmann, K.; Becker, L.; Fichter, K.; Mahammadzadeh, M. und Seela, A. (Hrsg.): Klima‐LO: Klimaanpassungsmanagement in Lernenden Organisationen. Oldenburg, Köln, S. 54-65. https://www.borderstep.de/wp-content/uploads/2018/09/Klima-LO-Ergebnispapier-AP23-final.pdf (letzter Zugriff am 26.02.2021)

3. KLIMASCOT: Abgrenzung Klimaschutz und Anpassung. http://www.klimascout.de/kommunen/index.php?title=Abgrenzung_Klimaschutz_und_Anpassung (letzter Zugriff am 26.02.2021)

4. Grünbuch der Kommission an den Rat, das Europäische Parlament, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen zur Anpassung an den Klimawandel in Europa – Optionen für Maßnahmen der EU, (KOM(2007)354 endgültig). https://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2007:0354:FIN:DE:PDF (letzter Zugriff am 26.02.2021)

5. Mahammadzadeh, Mahammad; Felix Kammerichs (2018): Managementsysteme: Anschlussstellen für Klimawandel und Klimaanpassung. In: Hurrelmann, K.; Becker, L.; Fichter, K.; Mahammadzadeh, M. und Seela, A. (Hrsg.): Klima‐LO: Klimaanpassungsmanagement in Lernenden Organisationen. Oldenburg, Köln, S. 133-166. https://www.borderstep.de/wp-content/uploads/2018/09/Klima-LO-Ergebnispapier-AP23-final.pdf (letzter Zugriff am 26.02.2021)

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