17.03.2021

Tipps & Lernstrategien: Das Langzeitgedächtnis trainieren

von Ramona Kohlen

Wieso bleiben uns häufig unwichtige Dinge wie Liedtexte im Gedächtnis und können uns selbst Jahre später noch daran erinnern, während wir uns wichtige Informationen wie Geburtstage oder Prüfungsinhalte einfach nicht merken können? Jeder kennt dieses Problem und das ist auch ganz normal, denn der Grund dafür liegt im stufenartigen Aufbau unseres Gehirns. Wie genau dieser Aussieht und wie Sie Ihre Gehirnleistung mit den richtigen Lernstrategien verbessern können, erfahren Sie von Dr. phil. Kathrin Schütz, ehemalige Studiengangsleiterin Wirtschaftspsychologie (B.Sc.), im Fachbereich Wirtschaft & Medien an der Hochschule Fresenius.

Inhalt

  1. Sensorisches Gedächtnis
  2. Kurzzeitgedächtnis
  3. Langzeitgedächtnis
  4. Lernstrategien

Damit eine Information dauerhaft im Gedächtnis gespeichert werden kann, muss sie einige bewusste und unbewusste Hürden überwinden.

Sensorisches Gedächtnis

Das sensorische Gedächtnis, auch Ultra-Kurzzeitgedächtnis genannt, ist für unmittelbare Wahrnehmungen zuständig. Dort werden alle Eindrücke – alles was wir tagtäglich hören, sehen, fühlen oder riechen – verarbeitet und gefiltert. Hier wird auch entschieden, welche Informationen für uns in diesem Moment wichtig sind oder nicht. So verschwindet beispielsweise das Gefühl Kleidung zu tragen bereits kurz nach dem Anziehen und es wird uns erst wieder bewusst, wenn die Socken rutschen oder der Kragen kratzt. Auch das stetige Rauschen der Straßen wird zur Gewohnheit.  Daher hört man häufig, dass Personen, die z. B. in der Nähe von Schienen wohnen, vorbeifahrende Züge nicht mehr hören. Das Geräusch wird unterbewusst rausgefiltert. Im selben Moment werden andere Informationen als wichtig eingestuft, wie das Hupen eines Autos in der Nähe oder der Name einer Person, die wir gerade kennengelernt haben.

Kurzzeitgedächtnis

Diese Eindrücke werden nun an das Kurzzeitgedächtnis weitergegeben. Hier können wir das erste Mal bewusst über das Wahrgenommene nachdenken oder Entscheidungen treffen. Zudem wird an diesem Punkt entschieden, welche Eindrücke in das Langzeitgedächtnis weitergeleitet werden. Treffen jedoch zu viele Informationen gleichzeitig im Kurzzeitgedächtnis ein, wird dieses überladen und die Weiterleitung funktioniert nicht. So ist es wahrscheinlich jedem von uns schon einmal ergangen, wenn sich viele Menschen nacheinander vorgestellt haben. Wir können uns nur einige Namen merken und verbringen viel Zeit mit der Nachfrage „Entschuldigung, wie war der Name doch gleich…?“.

Langzeitgedächtnis

Begegnen wir nun derselben Person mehrmals, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Name ins Langzeitgedächtnis weitergegeben wird. Die Information wurde als wichtig eingestuft und wir können uns für lange Zeit, vielleicht sogar für immer, an den Namen erinnern. Wahrscheinlich kennen auch Sie noch einige Namen Ihrer Grundschullehrer.

Das Langzeitgedächtnis ist sehr zuverlässig, benötigt aber auch Unterstützung, wenn es darum geht, sich Dinge zu merken, denn im Langzeitgedächtnis werden ganz neue Nervenverknüpfungen gebildet. Das benötigt Zeit. Zudem ist das Langzeitgedächtnis in zwei Bereiche unterteilt. Im prozeduralen Gedächtnis, welches Bewegungsabläufe, wie Radfahren oder Schlittschuhlaufen speichert, bleiben die gelernten Fähigkeiten ein Leben lang in Form von Nervenbahnen bestehen. Im deklarativen Gedächtnis werden dagegen alle reinen Wissensinformationen, wie die eben erwähnten Namen, Vokabeln oder das kleine Einmaleins verarbeitet und gespeichert.

Damit eine Information im Langzeitgedächtnis abgespeichert wird, muss das Gehirn diese als wichtig erkannt haben. Diese Wichtigkeit können wir unserem Gehirn unter anderem durch mehrfache Wiederholungen suggerieren.

Lernstrategien für ein besseres Langzeitgedächtnis

Möchten Sie sich Wissen einprägen, beispielsweise für eine Prüfung, müssen Sie Ihr Gehirn davon überzeugen, dass die ausgewählte Information wichtig ist. Stellen Sie dazu am besten einen Bezug zu bestehendem Wissen, einer Emotion oder eines Erlebnisses für das Thema her. Wie es gelingen kann, mit bestimmten Lernstrategien Inhalte auch kurz vor der Prüfung noch effektiv zu lernen und dauerhaft zu speichern, erklärt Dr. phil. Kathrin Schütz:

Es gibt verschiedene langfristige Lernstrategien, mit denen Gedächtnissportler arbeiten, zum Beispiel die Loci-Methode. Mit dieser Methode werden Inhalte anhand einer fiktiven Struktur miteinander verknüpft. Man denkt zum Beispiel an seine Wohnung oder einen bekannten Weg und legt dort im Kopf die zu merkenden Inhalte an bestimmten Orten ab (locus ist lateinisch für Ort/Platz). „Für eine derart umständliche Methode haben wir vor Prüfungen aber keine Zeit mehr, da muss es schneller gehen“, meint Kathrin Schütz.

Zum effektiven Lernen eigne sich die sogenannte Enkodierspezifität besser. „Die Umstände, unter denen wir lernen, haben einen Einfluss darauf, wie gut wir das Gelernte abrufen können. Wo man etwas lernt, hat Auswirkungen darauf, wie man etwas wiedergibt“, sagt Schütz. Konkret bedeutet das: Wenn ich etwas am Strand gelernt habe, kann ich mich anschließend am Strand besser daran erinnern als am Schreibtisch.

Gelernt wird also am besten in einem Umfeld, das dem in der Klausursituation ähnlich ist. „Auf jeden Fall sollte man Fernsehen und Handy ausschalten und sich selbst ruhig auch ein wenig Stress aufbauen. Es lohnt sich auch, die Aufgaben selbst wie in einer Klausur auf einen Zettel zu schreiben, diesen zuerst umgedreht auf dem Tisch liegen zu lassen und anschließend in einer bestimmten Zeit die Fragen zu beantworten. Im allerbesten Fall übt man das auch in den Räumen der Hochschule“, empfiehlt Kathrin Schütz. Auch Referate und Vorträge sollte man vorher einmal laut vor Zuhörern halten. Die Enkodierspezifität erklärt auch, warum ein aus dem Urlaub mitgebrachtes Lebensmittel zuhause nicht mehr so gut schmeckt oder die Musik sich nicht mehr so gut anhört.

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