09.03.2021

Pioneer Program Teilnehmer physiotruck gründen eine mobile Praxis

Interview von Marco Nebgen und Nadja Riedel

Tamara und Erfan Barogh haben mit dem Physiotruck die erste mobile voll ausgestattete Physiotherapiepraxis Deutschlands gegründet. Ihr Ziel ist es, die betriebliche Gesundheitsförderung in Deutschland zu revolutionieren und zu vereinfachen. Neben der betrieblichen Fürsorge betreuen sie auch Sportevents, Messen und Konzerte. Vor zwei Jahren haben wir mit unserem Alumnus Erfan schon einmal über dieses spannende Projekt gesprochen. Jetzt nehmen Tamara und Erfan am Pioneer Program der Hochschule Fresenius teil und lassen uns noch einmal genauer hinter die Kulissen eines Physiotrucks schauen.

wer seid ihr und was macht ihr?

Tamara & Erfan: Wir haben den sogenannten physiotruck gegründet. Das ist die erste mobile Physiotherapiepraxis in Deutschland und wir arbeiten im Sinne der betrieblichen Gesundheitsförderung. Damit wollen wir die Umsetzung dieses Themas innerhalb der Unternehmen vereinfachen. Im Zuge dessen bieten wir verschiedene Services an – die klassische Physiotherapie, aber auch physiotherapeutische Diagnostik, Workshops, Zirkeltrainings u.v.m. Auch Veranstaltungen wie bspw. Gesundheitstage, Sportmessen, Wettkämpfe, Konzerte etc. können von uns bedient werden. Hier bieten wir unser gesamtes Servicespektrum an, das individuell zusammengestellt werden kann.

Was sind eure besonderheiten/USP?

Tamara & Erfan: Generell nehmen wir den Unternehmen einen Großteil des Arbeitsaufwandes bei der Gesundheitsförderung ab. So müssen Unternehmen oder Veranstalter keine Vorbereitungen treffen oder Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, da wir mit unserem physiotruck bereits eine vollausgestattete Praxis mitbringen. Neben etlichen Physiotherapie-Tools haben wir auch Trainingsgeräte für Services wie bspw. dem Zirkeltraining dabei.

Wie kann man sich den physiotruck vorstellen?

Erfan: Das Fahrzeug ist ein Mercedes-Sprinter, dessen Ladefläche zu einer 6 qm großen Praxis umgebaut ist. Innerhalb dieses Raums habe ich mein ganzes Equipment, das ich für eine Behandlung brauche. Auch wenn wir bspw. von einem Unternehmen für ein Zirkeltraining angefragt werden, haben wir genug Staumöglichkeiten um das benötigte Equipment unterzubringen und damit zu arbeiten. Bei der Einrichtung des Trucks haben wir ebenfalls auf eine gemütliche Atmosphäre und diverse technische Ausstattungen geachtet, die die Arbeit so angenehm wie möglich machen. Wir stehen mit dem Truck einer Praxis in nichts nach.

 

Wichtiger als die Idee an sich sind ja bekanntlich die Köpfe hinter dem Ganzen. Stellt euch doch mal kurz vor.

Tamara: Ich komme aus dem Rettungsdienst. Dort haben wir uns auch kennengelernt. Danach habe ich Lehramt studiert. Derzeit studiere ich Biologie und mache eine Ausbildung zur Heilpraktikerin.

Erfan: Ich habe 2008 eine Ausbildung zum Rettungsassistenten gemacht und bis letztes Jahr auch als Rettungsassistent gearbeitet. Neben meiner Arbeit habe ich an der Hochschule Fresenius Physiotherapie studiert und hatte das Glück, dass ich meine Kenntnisse aus dem Studium auch im Arbeitsalltag als Rettungsassistent einbringen konnte. Im Zuge dessen, kam ich auf die Idee mit dem physiotruck. Wenn ein fahrendes Krankenhaus möglich ist, dann wäre auch eine fahrende Physiotherapiepraxis durchaus denkbar.

 

Wie ist dann aus der Idee ein konkretes Geschäftsmodell geworden?

Tamara & Erfan: Die betriebliche Gesundheitsförderung ist an aufwendige Bedingungen geknüpft. Der Wunsch nach Leistung vor Ort war dabei auch ein wichtiger Punkt. Trotz des großen Interesses nach solchen Angeboten, ist die Motivation der Mitarbeiter nach Feierabend nochmal zu einem Physiotherapeuten zu fahren sehr gering. Also wollten wir den Physiotherapeuten direkt zu den Mitarbeitern bringen. So entstand die Idee des physiotrucks. Damit ist natürlich auch eine gewisse Bequemlichkeit verbunden, die unsere Kunden sehr schätzen. Während der Arbeitszeit mit einem Handtuch in den physiotruck zu kommen, dort eine halbe Stunde eine Anwendung zu genießen und dann wieder weiter arbeiten zu können, hat auf jeden Fall einen gewissen Charme. Dadurch werden solche Angebote natürlich viel häufiger genutzt.

 

Welchen Herausforderungen steht ihr momentan gegenüber?

Tamara & Erfan: Corona spielt natürlich bei uns eine große Rolle. Es sind nicht mehr so viele Menschen im Büro, was in unserem Fall die Basis unseres Angebotes ist – das merken wir schon. Es ist aber nicht so, dass uns dadurch viele Kunden wegfallen. Lediglich unser Wachstum wird ein wenig beeinflusst.

 

Stichwort Kunden – wie läuft bei euch die Kundengewinnung ab?

Tamara: Tatsächlich viel über Mundpropaganda. Momentan ist es aber auch so, dass wir an unserer Kapazitätsgrenze sind, da Erfan in seiner Praxis vollkommen ausgebucht ist. Da wir uns nächstes Jahr noch vergrößern wollen, werden wir im Zuge der Vergrößerung auch mehr Social Media Marketing betreiben.

 

Wie verbindet ihr den klassischen Praxisalltag mit dem Physiotruck?

Tamara & Erfan: Für den physiotruck haben wir feste Tage, an denen wir unsere Dienste anbieten. Diese Tage variieren je nach Kunden. Demnächst werden wir allerdings noch einen Angestellten haben, der uns an beiden Einsatzorten aktiv unterstützen wird.

 

Wie finanziert ihr euch?

Tamara & Erfan: Zurzeit läuft alles über private Mittel und wenn wir den neuen physiotruck bauen, werden wir dafür einen Privatkredit aufnehmen.

 

Wie seid ihr auf den Accelerator des Pioneer Labs aufmerksam geworden?

Erfan: Witzige Geschichte! Ich kenne Maximilian Faust und habe einen Post von ihm über den Accelerator gesehen. Das war am letzten Tag vor Bewerbungsende. Daraufhin haben wir kurzerhand in meiner Mittagspause ein Bewerbungsvideo gedreht und uns noch kurzfristig beworben.

 

Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Accelerator Program gemacht?

Tamara & Erfan: Wir haben vor allem Know-how erworben, was uns für unsere Gründung extrem weitergeholfen hat. Wir kommen beide aus dem Gesundheitsbereich und haben keine Ahnung von Betriebswirtschaft. Da haben uns die verschiedenen Workshops einen enormen Mehrwert gebracht. Auch unser geplantes Geschäftsmodell nochmal tiefergehend zu reflektieren war ein großer Pluspunkt. So kam es, dass wir einige Pläne, die wir ursprünglich hatten, noch einmal überdacht haben.

 

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht aufzugeben?

Erfan: Nach drei Fahrzeugpannen mit dem physiotruck war ich natürlich sehr sauer. Aber dass wir mal wirklich an der Idee gezweifelt haben und aufhören wollten, war bisher absolut noch nie der Fall.

 

Habt ihr irgendwelche Vorbilder oder Gründer, die ihr gerne mal kennenlernen möchtet?

Tamara und Erfan: Nein, keinen speziellen. Wir sind generell ein großer Fan von Austausch unter Gründern. Neue Ideen oder Sichtweisen zu hören kann unfassbar spannend sein.

 

Was wollt ihr gründungsinteressierten Studierenden mit auf den Weg geben?

Tamara & Erfan: Einen langen Atem muss man haben. Es werden Rückschläge kommen. Wichtig ist es, sich davon nicht unterkriegen zu lassen.  Sucht euch eine Idee für die ihr brennt, ein gutes Team und gebt 200% – nur dann kann es funktionieren!

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