13.01.2021

Medienmanagement und Rechtsberatung – wie passt das zusammen?

Interview von Juliane Mischer

Genau das haben wir unsere Alumna Antonia Pape gefragt. Nur ein Jahr nach ihrem Abschluss in Medien- und Kommunikationsmanagement (B.A.) wurde Sie jetzt zu einer „European Woman of Legal Tech 2020“ gekürt. Was es damit auf sich hat und wie es ihr nach dem Studium ergangen ist, berichtet sie im Interview.

Erst einmal: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung! Bei „European Women of Legal Tech“ handelt sich dabei um Initiative von Bryter, selbst eine Legal-Tech-Firma, und der Kanzlei Hogan Lovells. Was genau können wir uns unter Legal-Tech vorstellen?

Vielen Dank! Ja, es ist eine tolle Auszeichnung, die das Engagement von uns Frauen in einem immer noch männlich geprägten Umfeld in der Rechtsberatungsbranche hervorhebt.

„LegalTech“ ist ein noch recht breit gefasster Begriff. Schon einfache Marketingplattformen zur Leadgenerierung laufen in der Anwaltsbranche zuweilen darunter. Auch gut formatierte und gefilterte Excel-Tabellen werden bisweilen so verstanden und kommuniziert. Am anderen Ende steht der Einsatz künstlicher Intelligenz in allen Bereichen der Rechtsberatung. Allgemein kann man sagen, dass durch den Einsatz von Tech(nology) im Legal-Sektor juristische Arbeitsprozesse unterstützt und (teil-)automatisiert werden sollen. Es ist derzeit noch schwer zu definieren wo LegalTech anfängt und an welcher Stelle aufhört. Diese nicht klar definierbaren Grenzen resultieren mit Sicherheit auch daraus, dass der Rechtsmarkt der Digitalisierung hoffnungslos hinterherhinkt.

Inwiefern?

Das fängt bei Anwaltsprogrammen an. Die benötigten Softwarelandschaften ermöglichen schon lange kein zeitgemäßes effizientes Arbeiten mehr. Existierende Anwaltsprogramme fanden ihren Ursprung in den 80ern, sind nach außen nur funktional technisch aufgebaut und vernachlässigen bis heute moderne UI/UX-Ansätze – darunter fallen die Gestaltung der Benutzeroberflächen und die Benutzererfahrung bei der Interaktion mit dem Produkt.

Cloudbasiertes, offlinefähiges und vor allem mobiles Arbeiten ist ein fremder Begriff für die Rechtsbranche, Anwendungen sind umständlich und zeitraubend und beschränken sich noch viel zu oft darauf, analoge Prozesse zu digitalisieren ohne die wirklichen Chancen der Digitalisierung zu erkennen oder zu nutzen.

Mit dem Einsatz von LegalTech sollen Juristen das passende Werkzeug an die Hand bekommen um die Rechtsberatung zu einer skalierbaren Dienstleistung zu transformieren. Mit Nominandum, unserer eigens entwickelten Software für Kanzleien, werden wir die Effizienz juristischen Arbeitens zu neuen Dimensionen führen. Heutige Lösungen sind nicht nur langsam und kompliziert, sondern auch deren Anschaffung und Unterhalt durch Updates aufwändig und teuer.

Nominandum will das ändern. Denn es gilt nicht nur die nächste Anwaltssoftware zu bauen, sondern bestehende Prozesse in Frage zu stellen, neu zu denken und günstig in die digitale Welt zu transformieren. Das ist unser Ziel.

Sie haben erst im Sommer 2019 Ihr Studium abgeschlossen. Haben Sie Nominandum direkt im Anschluss gegründet?

Nominandum wurde bereits Ende 2018 gegründet. Schon zu diesem Zeitpunkt war ich Bestandteil des Gründerteams. Durch den Fokus auf meine Bachelorthesis und den Ausblick auf ein folgendes Masterstudium hatte ich mir meinen vollen Einstieg zunächst offengehalten. Nachdem der Prototyp unserer Anwaltssoftware uns viele Erkenntnisse darüber verschafft hat, wie man das Thema insgesamt angeht, bin ich Anfang 2020 als Scrum Master bei Nominandum eingestiegen und dann schnell zur Produktentwicklung gekommen. Inzwischen entwickle ich unser Produkt maßgeblich auf strategischer Ebene als Product Ownerin mit. Mit Nominandum wollen wir Rechtsberatung zu einer Dienstleistung des 21. Jahrhunderts transformieren. Juristische Workflows vereinen wir mit modernster Technik und ermöglichen so zeit- und ortsunabhängiges, kollaboratives und vor allem planbares Arbeiten mit dem Anspruch höchster Effizienz.

Sie haben Medien- und Kommunikationsmanagement an der Hochschule Fresenius studiert. Das scheint erst mal weit weg von der Legal-Tech-Szene. Trügt dieser Eindruck? Welche Verbindungen sehen Sie?

Mein Studium über habe ich als studentische Assistenz bei RKA Rechtsanwälte, einer mittelständischen Kanzlei mit Standorten in Hamburg und Berlin gearbeitet. Dort habe ich Kanzleiabläufe, -organisation, die eingesetzte Software, wie auch Systemlandschaften und anwaltliches Arbeiten kennengelernt. Nach und nach habe ich das im Studium Gelernte auch in meine Tätigkeit bei RKA einfließen lassen können, viel hinterfragt und in Organisationsabläufen vielleicht auch den einen und anderen Impuls gesetzt.

Im Medien- und Kommunikationsmanagement-Studium an der Hochschule Fresenius habe ich viel über digitale Geschäftsmodelle, deren Struktur und den Aufbau erfahren. Nominandum basiert auf nichts Anderem und hat den Schwerpunkt auf eine browserbasierte Anwendung gesetzt. Durch das praxisorientierte Studium habe ich hilfreiche Instrumente an die Hand bekommen, wie das Business Model Canvas oder die Fähigkeit, ausgearbeitete Marketingkonzepte für Projektpartner und Start-ups zu erstellen.

Während meiner zeitweiligen Assistentenstelle bei der Online-Marketing Agentur crowdmedia konnte ich meine theoretischen Marketingkenntnisse vertiefen und habe viel über agiles Arbeiten und Teamwork gelernt. Auch die Learnings aus den Hochschul-Projekten und meine Arbeit dort fließen heute in die Entwicklung von Nominandum mit ein. Insbesondere die Arbeit zu meiner Bachelorthesis hat mich nachhaltig beeinflusst. Die Themen digitale Transformation und Innovationsförderung in traditionell ausgerichteten Unternehmen, Prozessoptimierung und Change Management beschäftigen mich seither.

So wurde mir bewusst, wie weit die digitale Transformation in schon vielen Branchen gelebt und gefördert wird, und dass insbesondere die Rechtsbranche sich noch viel zu sehr an Altem festklammert, gleichzeitig aber auch wenig Alternativen zur Hand hat.

Letztendlich ist die in der Hochschule gelernte Theorie auf viele verschiedene Themen anwendbar, insbesondere bei einer Produkt- und Unternehmensentwicklung.

Sie sind „Founder Product“ bei Nominandum. Was genau sind dabei Ihre Aufgaben? Woran arbeiten Sie beispielsweise aktuell?

Unser Founder Team besteht aus Niko, Rechtsanwalt (Founder Legal), aus Max, Data Scientist/ Entwickler (Founder Tech) und aus mir, Produktstrategin (Founder Product). Es ist von großem Vorteil, schon im Gründerteam so interdisziplinär aufgestellt zu sein und unterschiedliche Perspektiven und Wissen mit in die Entscheidungen einbeziehen zu können.

Als Produktstrategin besetze ich bei Nominandum die Rolle der Product Ownerin. Als PO ermittle ich die Bedürfnisse der Zielgruppe und übersetze diese zum Beispiel in sogenannte User Stories auf deren Grundlage Entwickler und Designer das Produkt entwickeln. Dabei stehe ich in engem Kontakt mit Stakeholdern, also Menschen, die später einmal mit unserer Software arbeiten sollen.

Wir haben das Glück, mit RKA als Partnerkanzlei zusammen zu arbeiten und so haben wir engen Kontakt zu den Nutzern von Anwaltssoftware und so die Finger am Puls des Kanzlei- und Branchengeschehens.

Die Module die wir bereits entwickelt haben, sind vertikal geschnitten, alle mit eigenem Business Value, so dass Nominandum letztendlich eine modular aufgebaute Suite für Anwaltskanzleien als LegalTech-Plattform darstellt. Derzeit entwickeln wir die Workflow Engine, die aus der menschlichen Abarbeitung Prozesse erkennt und Abhängigkeiten und Aufwände sichtbar macht.

Ein Feature findet seine Anfänge in der Bedarfsermittlung, nach der ich beginne die Komponenten zu sketchen und zu wireframen, indem ich die Funktionen und Abläufe in einer Art Gerüst anordne und aufzeichne. Die nächste Stufe ist das Niederschreiben der dazugehörigen User Stories, in denen ich mit dem “Als [Nutzer] will ich [Funktion], um [Nutzen]”-Schema Anforderungen an Komponenten und Funktionen formuliere. Diese dienen den Entwicklern und Designern als Entwicklungsgrundlage.

In der Softwareentwicklung arbeiten wir nach Scrum. Das bedeutet, es werden vorab User Stories zu ausgewählten Feature-Segmenten festgelegt die bei uns in einem Sprintzeitraum von i. d. R. zwei Wochen bearbeitet werden. Am Ende jedes Sprints steht ein Teilinkrement, woraus sich letztendlich die Software zusammensetzt.

Was sind Ihre persönlichen Pläne für die Zukunft? Was möchten Sie in den kommenden Jahren erreichen?

Es ist für mich wahnsinnig aufregend, direkt nach dem Berufseinstieg gleich Teil eines so großen Vorhabens zu sein. Mich unternehmerisch zu beteiligen, war schon immer mein Wunsch und mit Nominandum möchte ich etwas schaffen, was den Rechtsmarkt nachhaltig beeinflusst und juristisches Arbeiten auf eine neue Stufe hebt. Das wird meine Zeit noch ein wenig in Anspruch nehmen. Und dann möchte ich noch meinen Masterabschluss nachziehen. An digitaler Transformation hängen nicht nur technischen Veränderungen, sondern auch ganz wesentliche Elemente des Change Managements. Die Technik kann noch so gut sein – wenn den Menschen, die sie nutzen sollen, nicht Ängste und Sorgen davor genommen und sie abgeholt werden, sind solche Veränderungsprozesse immer dem Scheitern nah. Genau dies exemplarisch mit Blick auf den Rechtsberatungsmarkt aufzuarbeiten, wäre doch ein spannendes Thema. Und was danach kommt? Wir werden sehen. Als Unternehmerin neue Wege zu beschreiten und in Projekten zu arbeiten gefällt mir gut.

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