22.12.2021

Das Problem ist das Problem, nicht die Person

Gastbeitrag von Jannis Samland

© WavebreakmediaMicro/stock.adobe.com

Welche therapeutischen Ansätze gibt es in der Psychologie neben der psychologischen Psychotherapie? In welchen Bereichen kann man nach einem Psychologie-Studium arbeiten? Und welche Perspektiven eröffnet dabei die narrative Therapie? Unter anderem mit diesen Fragen beschäftigen wir, Studierende der Psychologie (B.Sc.) und Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Hamburg, uns in einem spannenden digitalen Workshop.

Die Aussage, das Feld der Psychologie sei breit gefächert, ist weit verbreitet. Dennoch hört man häufig nur von den immer selben Berufen, Tätigkeitsfeldern und Arbeitsbereichen. Man hört: „Psycholog:innen arbeiten doch vor allem im klinischen Bereich.“ Oder: „Nach einem Psychologie-Studium wird man eben psychologische:r Psychotherapeut:in.“ Es mag sein, dass die letzten Aussagen bei vielen Absolvent:innen stimmen. Dass sie aber nur ein sehr geringes Spektrum von dem abbilden, was Psychologie ist und in welchen Bereichen Psycholog:innen tätig sein können, ist genauso zutreffend.

Ist die Aussage, dass das Feld der Psychologie breit gefächert ist, also wahr? Dieser Frage gingen wir, Studierende der Studiengänge Psychologie (B.Sc.) und Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Hamburg, im Rahmen eines digitalen Workshops gemeinsam mit dem Gastredner Jan Müller nach und warfen dabei einen weiten Blick auf den Bereich der klinischen Psychologie. Denn auch Jan Müller entschied sich nach seinem Psychologie-Studium gegen eine Approbation, gründete stattdessen ein Weiterbildungsinstitut und arbeitet seit mittlerweile zwölf Jahren in einer Beratungsstelle. Er ist also selbstständig tätig, arbeitet mit Menschen und hilft ihnen – und das, ohne die Berufskleidung eines psychologischen Psychotherapeuten zu tragen.

Was ist narrative Therapie?

In seiner beratenden Tätigkeit verfolgt Jan Müller die Ansätze der narrativen Therapie. Diese basiert auf der These, dass jeder Mensch Ereignisse aus seinem Leben interpretiert und zu einer subjektiven Wahrheit über sich, andere und seine Umwelt formt. Dabei stellen die sogenannten Narrative – oder vereinfacht gesagt Geschichten – die Art und Weise dar, wie wir zum Beispiel zwischen einzelnen Situationen und Ereignissen Zusammenhänge bilden und sie zu einem Ganzen machen, und sind so ein wesentlicher Teil dessen, was wir über uns und unsere Umwelt zu wissen glauben. Sie sind für uns wahr und nicht wahrer oder falscher als die Narrative anderer Menschen.

Das Ziel der narrativen Therapie ist es, die eigenen, möglicherweise problematischen Ansichten zu verändern. Sie hilft, die bestehenden eigenen Annahmen zu anderen, ebenso wahren Narrativen zu formen und damit neue Geschichten zu entwerfen, die unseren gedanklichen Rahmen erweitern: Zum Beispiel ist das Narrativ „Nach dem Psychologie-Studium wird man eben psychologische:r Psychotherapeut:in.“ subjektiv nicht mehr oder weniger wahr als das Narrativ „Das Feld der Psychologie ist breit gefächert.“ Vielmehr handelt es sich hier um eine gedankliche Umstrukturierung und eine Erweiterung der gedanklichen Perspektive. Genau dies steht aber im Zentrum der narrativen Therapie und kann Menschen helfen, neue Sichtweisen auf Ereignisse, Situationen, sich selbst und andere zu eröffnen.

Wie kann die narrative Therapie Menschen helfen?

Ein Werkzeug, mit dem der gedankliche Rahmen vergrößert oder auch verändert werden kann, ist die Externalisierung. Diese beschreibt im therapeutischen Kontext unter anderem die Fähigkeit, Probleme unabhängig von der Person zu betrachten: Zum Beispiel spricht man noch zu oft von psychisch gestörten Personen, depressiven Patient:innen oder Alkoholabhängigen. Dabei vereinfacht diese Darstellung aber die Personen viel zu stark, fördert die Bildung von Stereotypen und Diskriminierung und erschwert so nicht zuletzt einen sensiblen Umgang mit den tatsächlichen Problemen. Zudem wird die persönliche Identität der Person nicht mehr als Ganzes wahrgenommen, sondern über die Depression, Alkoholsucht oder psychische Störung definiert. Die getrennte Betrachtung von Person und Problem ändert dagegen das Narrativ, wodurch nicht mehr die Person das Problem, sondern das Problem das Problem ist. Das neue Narrativ hilft also den Menschen, indem es ihnen zeigt, das Problem als ein Problem, das sie lösen können, zu betrachten und nicht als eine feste Eigenschaft ihrer selbst.

Das Leitbild der narrativen Therapie basiert auf einem sehr positiven Menschenbild, wie Jan Müller während des Workshops zusammenfasste: „Es geht auch um den Glauben, dass der Mensch cool ist.“ Oder als Message: Versuche, das Problem nicht als Teil von dir zu beschreiben, sondern als ein eigenständiges Substantiv, dich zum Beispiel nicht als ungeduldigen oder unsicheren Menschen zu sehen, sondern die Ungeduld oder Unsicherheit getrennt von dir zu betrachten. Die Substantivierung des Problems, die Zuschreibung von Namen, eines Aussehens, möglicherweise auch einer Farbe und Eigenschaften hilft, es stärker vor dir abzugrenzen. Denn, so Jan Müller, „das Problem ist das Problem, nicht die Person.“

Über den Autor

Jannis Samland studiert Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) an der Hochschule Fresenius in Hamburg.

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