Selbstständig durch den Alltag – warum Ergotherapie so wichtig ist

Therapieformen gibt es viele. Mit der klassischen Medizin wird meist die Heilung des Körpers verbunden, in psychotherapeutischen Behandlungen geht es um die psychische Gesundheit. Doch was ist, wenn ein physisches oder psychisches Leiden den Alltag einschränkt und weder das eine noch das andere hilft?

Sei es eine Erkrankung, eine Behinderung oder auch eine Entwicklungsstörung: Ergotherapeut:innen helfen Menschen jeden Alters dabei, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen. Birgit Döringer, Dozentin im Fachbereich Gesundheit & Soziales, weiß, worauf es in der Ergotherapie ankommt und wie Auszubildende bzw. Studierende auf die späteren Aufgaben im Beruf vorbereitet werden.

FRAU DÖRINGER, WAS MACHEN ERGOTHERAPEUT:INNEN EIGENTLICH?

Die Ergotherapie ist ein toller Beruf, der alten Wurzeln folgt. Galens Aussage „Arbeit ist die beste Medizin, die uns die Natur gegeben hat“ zum Beispiel erfasst einen Kernpunkt der Ergotherapie: Menschen in das Handeln zu bringen und über das Handeln zu therapieren.

WAS BEDEUTET DAS GENAU?

Ergotherapeut:innen stellen die Handlungsfähigkeit der Menschen in den Mittelpunktunkt, erarbeiten mit dem Gegenüber Strategien, um (wieder) barrierefrei am Leben teilhaben zu können, egal welche Krankheit oder Behinderung aktuell für Irritationen sorgen. Sie ahnen vielleicht, wie umfangreich und kreativ das Aufgabenfeld der Ergotherapie somit ist.

WER WAR GALEN?

Galenos von Pergamon (zu Deutsch: Galen) war ein griechischer Arzt und Anatom. Er lebte im 2. Jahrhundert und seine Schriften beeinflussten die Medizin noch bis ins 17. Jahrhundert. Er verstand Körper und Seele des Menschen als eine Einheit und prägte das Verständnis der menschlichen Anatomie bis in die Neuzeit.

In der Arbeit mit Kindern stellen wir zum Beispiel die Schulfähigkeit in den Mittelpunkt ergotherapeutischer Maßnahmen, während bei Erwachsenen häufig eine berufliche Wiedereingliederung nach einem Unfall das Zentrum allen Denkens und Planens darstellt.

Einen konkreteren Eindruck gibt vielleicht die Übersicht der fünf klassischen ergotherapeutischen Behandlungsverfahren: motorisch funktionelle, arbeitstherapeutische, neurophysiologische, neuropsychologische sowie psychosoziale Behandlungsverfahren.

Ich denke, Ergotherapie ist von außen immer schwer fassbar, weil Ergotherapeut:innen andauernd was anderes machen, je nachdem wo sie arbeiten. Aber im Kern geht es uns immer darum, dass unser Gegenüber – egal welches Alter – trotz Krankheit oder Behinderung am Leben teilhaben kann und dieses möglichst selbstständig gestaltet. Wir helfen Menschen, sich selbst (wieder) zu helfen – man unterschätzt diese Aussage so schnell und viele Menschen verstehen erst die Notwendigkeit von Ergotherapie, wenn sie nach einem Schlaganfall oder mit Parkinson eben genau dies nicht mehr können: einfach so den Alltag meistern.

DAS KLINGT SO, ALS GÄBE ES KEINEN TYPISCHEN BERUFSALLTAG, STIMMT DAS?

Das ist für jemanden wie mich eine schöne Frage, die mich immer wieder lächeln lässt. Die Diversität im Profil der Ergotherapie bewirkt, dass der typische Berufsalltag von einer großen Vielfalt geprägt ist – es ist ein wahnsinnig abwechslungsreiches Arbeitsfeld und damit für Außenstehende so schwer greifbar.

Sicherlich haben alle Ergotherapeut:innen einen klassischen Berufsalltag in dem Bereich, in dem sie arbeiten – ich selbst war erst in einer Senioreneinrichtung und dann über mehrere Jahre in einer Unfallklinik, sowohl in der Handtherapie wie auch im Zentrum für Querschnittslähmungen. Sie können sich vorstellen, dass diese Bereiche ganz unterschiedliche Anforderungen an mich im Berufsalltag gestellt haben.

VERSTEHE! WIE SIEHT ES MIT SPEZIALISIERUNGEN AUS UND WIE WIRD MAN ERGOTHERAPEUT:IN?

Ergotherapeut:in wird man in Deutschland klassischer Weise über eine Ausbildung – diese erfolgt noch ohne Spezialisierung. Eine Spezialisierung kommt dann im Berufsleben über Weiterbildungen oder über ein (berufsbegleitendes) Studium, innerhalb dessen man sich nicht nur thematisch, sondern vor allem auch wissenschaftlich weiterbildet. Bei uns bietet sich beispielsweise der Studiengang Angewandte Gesundheits- und Therapiewissenschaften (B.Sc.) an. Hier studieren fünf verschiedene Professionen zusammen, was meiner Meinung nach die Versorgungswirklichkeit sehr gut spiegelt. Wir sehen im Gesundheitswesen, dass die Forderung nach einer interdisziplinären Kompetenzbildung immer wieder lautstark eingefordert wird – bei uns wird fachübergreifendes Denken und Handeln gelebt. Spezialisierungen bzw. Schwerpunkte für das eigene Berufs-/Leben können die Studierenden über Wahlbereiche und die Themenschwerpunkte in Prüfungen verwirklichen, so dass man parallel zur gelebten Interdisziplinarität keine Angst haben muss, seine Individualität aufgeben zu müssen.

Birgit Döringer, Dozentin im Fachbereich Gesundheit & Soziales

DIE ERGOTHERAPIE SCHEINT SEHR KOMPLEX ZU SEIN UND AUCH SEHR WICHTIG FÜR DIE GESELLSCHAFT. IST DAS SO UND KANN MAN EINE THERAPIE VERSCHRIEBEN BEKOMMEN?

Ja und ja! Die Ergotherapie ist in Deutschland ein Heilmittel wie die Physiotherapie oder die Logopädie auch. In der Regel wird sie also von Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin verordnet.

Die Ergotherapie ist sehr bedeutend in der Gesundheitsversorgung. Wir sehen, dass es immer mehr Menschen in Deutschland gibt, die Probleme im Alltag haben. Diese sind aber nicht immer via Röntgenbild oder etwas in der Art nachvollziehbar. Wir kommen zum Einsatz, wenn sich im Alltag die ersten Irritationen zeigen und nicht erst dann, wenn das Kind sprichwörtlich in den Brunnen gefallen ist.

Menschen brauchen eine:n Partner:in, der oder die mit ihnen daran arbeitet, das Leben aktiv leben zu können und es für sich selbst und seine Angehörigen zu gestalten. Wir kommen mit unserem Gegenüber in den Austausch und beleuchten den Alltag, die Schule oder/und den Beruf – für jeden einzeln und immer in Hinblick auf das große Ganze. Nicht erst seit Corona erkennen die Menschen, wie fragil die einzelnen Systeme sind, wie schnell zum Beispiel Vereinsamung zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

DIE ERGOTHERAPIE IST ALSO EIGENTLICH NICHT NUR EIN GESUNDHEITSBERUF, SONDERN HAT AUCH VIELE SOZIALE KOMPONENTEN ODER?

Die Ergotherapie ist den Gesundheitsberufen zwar zugeordnet, weist aber einen eindeutigen sozialen Charakter auf. Das macht diesen Beruf zu etwas Außergewöhnlichem, denn er verbindet körperliche, seelische und soziale Aspekte. Jede Therapie oder jeder Ansatz zur Therapie ist anders, individuell und einzigartig. Wir arbeiten sozialwissenschaftlich und mit gesundheitsbezogenem Wissen. Das macht die Ergotherapie für mich zu etwas Besonderem.

DAS KLINGT WIRKLICH NACH EINEM SPANNENDEN, BERUFLICHEN UMFELD. HABEN SIE NOCH EINEN TIPP FÜR ANGEHENDE ERGOTHERAPEUT:INNEN?

Genießen Sie die Vielfältigkeit, die das Berufsprofil uns schenkt und haben Sie den Mut, die Möglichkeiten ergotherapeutischen Denkens und Handeln voll auszuschöpfen!

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