16.10.2020

Internationaler Tag der Sprachentwicklungsstörung – Interview mit Prof. Dr. Susanne Vogt

Interview von Barbara Debold

Der Internationale Tag der Sprachentwicklungsstörungen am 16. Oktober versucht, unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen, um auf die häufigste Entwicklungsstörung im Kindesalter öffentlich aufmerksam zu machen und um über aktuelle Erkenntnisse zu informieren. Dabei soll ein weltweites Netzwerk von Einzelpersonen aufgebaut werden, das sich für betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene einsetzt.

Eine Expertin auf diesem Gebiet ist Prof. Dr. Susanne Vogt. Die Professorin arbeitet an der Hochschule Fresenius als Dozentin im Studiengang Logopädie (B.Sc.). Sie ist Mitglied einer Expert*innen-Gruppe, die sich für den deutschsprachigen Raum mit der Terminologie von Sprachentwicklungsstörungen beschäftigt.

Liebe Frau Prof. Vogt, wieso ist es so wichtig, sich mit Terminologie und Definition der Sprachentwicklungsstörung zu beschäftigen?

Für Kinder mit Problemen beim Erwerb von Sprache werden im deutschsprachigen Raum unterschiedliche Begriffe verwendet. Der Mangel an begrifflicher und fachlicher Übereinstimmung erschwert das Erkennen kindlicher Sprachstörungen und behindert die Entscheidung, ob und welche pro­fessionelle Unterstützung Kinder erhalten. Diese sind aber dringend notwendig, damit die Kinder eine angemessene Versorgung erhalten. Nur so können sie ihre Sprachprobleme verbessern und damit auch die Bildungschancen und Lebensqualität.

Wieso gab es gerade eine weitreichende Veränderung in Terminologie und Definition zu Sprachentwicklungsstörungen?

Portrait von Prof. Dr. Susanne Vogt
Prof. Dr. Susanne Vogt

Anlass dafür war eine Neuausrichtung, die international in Bezug auf die verwendeten Begriffe stattgefunden hat. Nun wird vor dem Hintergrund der nationalen Traditionen diskutiert, welche Begriffe zukünftig verwendet werden sollen. Wir wollen für die deutschsprachigen Länder einen Konsens erzielen, um einheitliche Begriffe in der Praxis, Lehre und Forschung zu erreichen

Sie sind in der Lehre im Studiengang Logopädie (B.Sc.) tätig. Wie sensibilisieren Sie Ihre Studierenden für dieses Thema und bereiten sie damit auf ihre zukünftigen Aufgaben vor?

Die Studierenden hospitieren von Beginn ihres Studiums regelmäßig in der Lehrpraxis der Hochschule Fresenius. Sie sehen dort Kinder mit Störungen im Spracherwerb und kennen ihre Probleme. Und natürlich diskutieren wir in den Lehrveranstaltungen, wie diese Kinder unterstützt werden können. Im 4. Semester führen die Studierenden dann selbst ein praktisches Projekt in den Kindergärten der Stadt Idstein durch, das Sprachscreening.

Was können wir uns unter dem Sprachscreening genau vorstellen?

Jedes Jahr führen die Studierenden des Bachelorstudiengangs Logopädie in den Kindergärten der Stadt Idstein ein Sprachscreening durch. Diese Präventionsmaßnahme hat das Ziel, den Sprachentwicklungsstatus der Drei- bis Sechsjährigen zu erfassen und ein mögliches Risiko für eine Sprachentwicklungsstörung zu erkennen. Inzwischen ist das Screening eine feste Tradition geworden, von dem sowohl die Kindergärten als auch die Studierenden profitieren – und das betroffenen Kindern und ihren Familien zugutekommt. Das Screening ersetzt keine logopädische Diagnostik, gibt aber bei Bedarf die Empfehlung, eine logopädische Untersuchung einzuleiten. Die Erfahrung vieler Jahre zeigt, dass die Eltern der Kinder die Gelegenheit zum Sprachscreening gerne wahrnehmen, weil es Unsicherheiten beseitigt.

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Mehr zum Bachelorstudigengang Logopädie (B.S.c.)

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