Auslandspraktikum: „Ich kann nur jedem ans Herz legen, sich auf solch eine Erfahrung einzulassen“

Psychologie-Student Sören hat seine Semesterferien für ein PROMOS-Praktikum bei zwei indischen NGOs genutzt. Im Beitrag erzählt er dir, wie es ihm dabei ergangen ist.

Ich habe während meiner Semesterferien meines Bachelor-Studiengangs Psychologie ein zweimonatiges Praktikum in Nagpur, Indien absolviert. Dort war ich in zwei NGOs tätig, welche sich vor allem damit beschäftigen, ein Bewusstsein für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung zu schaffen.

Auf dieses Projekt wurde ich dadurch aufmerksam, dass ich während meines Studiums Mitglied der Studentenorganisation AIESEC war, welche u. a dieses Projekt fördert. AIESEC ist eine von Studenten geführte Non-Profit Organisation mit dem Ziel, jungen Menschen durch interkulturellen Austausch eine Möglichkeit zu geben, sich weiterzuentwickeln. Zum aktuellen Zeitpunkt werden so über 20.000 Projekte weltweit unterstützt. Der Großteil dieser Projekte basiert auf Freiwilligenarbeit, so auch mein Projekt.

Für mich begann also alles mit einer Beratung durch ein ehrenamtliches Mitglied von AIESEC in Köln. Für mich war bis dahin nur klar, dass ich gerne eine für mich „neue“ Kultur erleben wollte und das Projekt einen psychologischen Bezug hat, da es für mich auch ein Pflichtpraktikum werden sollte. Mit Hilfe meiner Beratung stieß ich dann auf der AIESEC Internetseite auf das genannte Projekt und dessen Beschreibung. Dort konnte ich mich dann unkompliziert bewerben. Schon nach einem Tag meldete sich ein Mitglied von AIESEC in Nagpur, welcher das Projekt betreute bzw. Kontakt zu der NGO hatte. Mit diesem Menschen hatte ich dann eine Art kleines „Bewerbungsgespräch“, indem ich aber auch ausführlich über die mich erwartende Arbeit und die Lebensbedingungen und Kosten vor Ort informiert wurde. Mir wurde mitgeteilt, dass durch AIESEC Wohnsituation und Verpflegung abgedeckt wird und ich vor Ort auch eine SIM-Karte erhalten werde. Somit waren schnell die wichtigsten organisatorischen Fragen geklärt.

Ich selbst kümmerte mich dann noch um die Anmeldung des Projektes als Pflichtpraktikum meines Studiums (verlief problemlos), das Buchen eines Fluges (einfach im Internet), Impfungen (ich ließ mich in einer medizinischen Reisepraxis beraten und impfen, in meinem Fall übernahm meine Krankenkasse alle Kosten) und das Eröffnen eines Kontos inkl. internationaler Kreditkarte. Damit war ich eigentlich startklar.

Kurz vor meiner Abreise nahm ich aber noch an einem Vorbereitungsseminar von AIESEC teil. Dort bekam ich viele Informationen darüber, was mich in einem Projekt dieser Art und in einer fremden Kultur so alles erwarten könnte und wie ich mit ggf. anfallenden Schwierigkeiten umzugehen habe. Ich empfand dies als sehr nützlich und konnte so mit einem relativ entspannten Gefühl zu meiner Reise aufbrechen.

Ankunft in Indien

Nach einer langen Flugreise kam ich relativ erschöpft in Nagpur am Flughafen an. Dort erwarteten mich eine Vielzahl von Mitgliedern des dortigen AIESEC-Komitees, welche mich herzlich in Empfang nahmen. Wir fuhren gemeinsam zu einem Restaurant. Auf der Autofahrt dorthin wurde mir dann das erste Mal bewusst, dass ich wirklich in einem komplett anderen Kulturkreis gelandet bin: Ich erlebte den indischen Verkehr. Für mich fühlte es sich an, als regierte dort die Anarchie und ich bekam etwas Panik. Meine neuen indischen Freunde konnten mich aber schnell beruhigen. Bei dem anschließenden Essen hatte ich dann auch die Möglichkeit, andere Freiwillige kennenzulernen, welche zu dieser Zeit auch ein Projekt in Nagpur absolvierten. Anschließend wurden wir zur Unterkunft gebracht und konnten dort erstmal unseren Jetlag ausschlafen.

Da wir unsere Reise so geplant hatten, dass wir vor Beginn des Praktikums noch ein paar Tage Zeit hatten, nutzten wir diese um ein wenig die Stadt zu erkunden. Außerdem hatten die indischen Studenten für uns einige Events organisiert. So besuchten wir z. B. einen Food Walk bei dem wir die Gelegenheit hatten, einen kleinen Überblick über die kulinarische Vielfalt des indischen Essens zu bekommen. Den Großteil davon empfand ich als super lecker, auch wenn mein Magen erstmal ein paar Tage brauchte, um sich an Schärfe und spezielle Würzungen zu gewöhnen.

In diesen Tagen bekamen wir dann auch das erste Mal die nicht so schönen Seiten der Stadt bzw. Indiens zu sehen. Neben der (gefühlten) Abwesenheit von Verkehrsregeln waren Mülleimer ebenfalls nicht existent. Teilweise waren ganze Straßenzüge vollständig zugemüllt, Menschen warfen ihre Abfälle einfach aus dem Fenster. Für unsere Verhältnisse natürlich ein Schock. Auch die hunderte von Kühen, die überall in der Stadt frei herumliefen, waren für mich natürlich etwas Außergewöhnliches, im Gegensatz zu dem Abfallproblem konnte ich da aber drüber schmunzeln.

In der Stadt Menschen kennenzulernen war auch überhaupt kein Problem. Die meisten Inder denen ich begegnete waren sehr offen und herzlich. Teilweise hielten Menschen mitten im Verkehr an, um uns zu fragen wo wir herkamen, was wir in der Stadt machten etc. Sie waren auch alle sehr hilfsbereit, sodass wir bei der Planung von Aktivitäten oder falls es mal Orientierungsschwierigkeiten gab, auf Tipps der Einheimischen zurückgreifen konnten.

Arbeit bei den NGOs

Nach ein paar Tagen war dann auch Praktikumsbeginn und wir wurden von einem AIESECer zu unserem ersten Arbeitstag begleitet. Das Institute of Mental Health and Research ist eine soziale Nichtregierungsorganisation (NGO), welche von einem Netzwerk aus in der Stadt tätigen Psychiatern und Psychologen gegründet wurde. Hauptaufgabe ist die Stigmatisierung gegenüber psychisch erkrankten Menschen zu verringern, indem durch Schulungen, Workshops und Vorträge über die Thematik aufgeklärt wird.

Neben der Teilnahme an einigen dieser Veranstaltungen, arbeitete ich in einem Team mit anderen Praktikanten. Wir entwickelten u. a einen eigenen Workshop für Kinder und Jugendliche. Diesen praktizierten wir dann an einigen Schulen und Colleges. Besonders eine Veranstaltung außerhalb der Stadt ist mir im Gedächtnis geblieben. Der Vorort war eine relativ verarmte Gegend, hauptsächlich Slum-Gebiet. Die Schule war ein unverputztes Backsteinhaus und nur notdürftig ausgestattet. Es war überwältigend zu sehen, wie sehr sich die Schüler über unseren Besuch freuten.

Neben meiner Tätigkeit für das Institut arbeite ich noch für eine zweite NGO: Manasparsh ist ein Art Beratungsagentur, welche von zwei jungen Psychologinnen gegründet wurde. Neben grundlegender psychologischer Beratung werden dort auch Therapie, Schulungen und Schulunterricht im Fach Psychologie angeboten. Außerdem organisiert die Organisation jedes Jahr ein großes Event, ebenfalls zum Thema der Aufklärung. Ich nahm dort an mehreren Kursen teil, so bekam ich z. B. eine Einführung in die gängigen psychologischen Therapieformen, welche in Indien angewendet werden. Interessant dabei waren die Unterschiede im Vergleich zu Deutschland. So kann in Indien jeder als Psychotherapeut praktizieren, da es keine Regelungen gibt. „Ausbildungskurse“ in diesen Bereichen dauern, wenn überhaupt, nur wenige Monate.

Neben diesen Fortbildungen half ich auch bei den Vorbereitungen des genannten Events. So ging es darum verschiedenen Sponsoren zu finden und hatte ich u. a die Möglichkeit, mit Journalisten und Radiosendern über das Thema der psychologischen Aufklärung zu sprechen.

Ausflug nach Delhi und Freizeit in Nagpur

Auch wenn ich den Großteil meiner Zeit in Indien auf der Arbeit verbrachte, hatte ich auch Zeit mehr von Indien zu sehen. An einem Wochenende flog ich mit anderen Freiwilligen nach Delhi. Auch hier hatten die AIESECer bei der Planung geholfen. Dort angekommen schauten wir uns einen Tag die Stadt an und am nächsten Morgen fuhren wir weiter nach Agra, eine Stadt in der Nähe, um dort das Taj Mahal zu besichtigen.

Auch in Nagpur wurde ich immer wieder zu verschiedenen Events, Abendessen und kulturellen Festlichkeiten eingeladen. Hier muss ich noch einmal die überwältigende Gastfreundschaft der Menschen betonen. Ein ganz besonderes Event war dabei die Teilnahme an der von AIESEC organisierten „World‘s Largest Lesson“. Die Initiative setzt sich zum Ziel, Schüler über die Sustainable Development Goals 2030 der UN zu informieren. In diesem Fall nahmen wir an einem Weltrekordversuch teil, bei dem AIESEC-Komitees in ganz Indien versuchten, gleichzeitig eine Unterrichtseinheit zu diesem Thema durchzuführen.

Mein Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass mein Praktikum in Indien für mich eine überwältigende Erfahrung gewesen ist. Es war meine erste Reise außerhalb von Europa und es war ein Gefühl des Eintauchens in eine andere Welt mit all seinen Höhen und Tiefen. Bei Schwierigkeiten hatte ich immer einen Ansprechpartner, was mir während der Zeit ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle gegeben hat. Durch die Unterstützung von PROMOS und AIESEC hatte ich die Möglichkeit, meine Semesterferien effizient zu nutzen und so eine kulturell und akademisch bereichernde Erfahrung zu kreieren ohne mich finanziell zu verausgaben. Ich kann nur jedem ans Herz legen, sich auf solch eine Erfahrung einzulassen.