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„Wir brauchen Naht- statt Schnittstellen“

5. Dialog Gesundheitswirtschaft in München: „Brücken bauen durch hybride Vergütung?“ Kann die sektorenübergreifende Versorgung gefördert werden, indem die Vergütung von stationär und ambulant erbrachten Leistungen vereinheitlicht wird? Mit diesem Thema befasste sich der 5. Dialog Gesundheitswirtschaft am 29. Juni in München, der gemeinsam von der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, der Hochschule Fresenius und der Stiftung Münch organisiert wurde. Nachdem Sigrid König (Vorständin BKK Landesverband Bayern), Dr. Wolfgang Krombholz (Vorstandsvorsitzender der Kassenärztliche Vereinigung Bayern) und Katrin Blechschmidt (Leiterin Leistungs- und Kostencontrolling der Rhön-Klinikum AG) in ihren Vorträgen die Einschätzung von „hybriden DRGs“ aus Sicht der unterschiedlichen Akteure dargestellt hatten, ergab sich gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten und Vorsitzenden des Ausschusses für Gesundheit und Pflege, Bernhard Seidenath, eine intensive Diskussion mit den rund 70 Teilnehmern. Krankhäuser nach DRG, niedergelassene Ärzte nach EBM – so ist die Vergütung ärztlicher Leistungen grundsätzlich geregelt und folgt damit der strikten Aufteilung in den ambulanten und den stationären Bereich. Doch soll die sektorenübergreifende Versorgung gefördert werden, zudem gibt es einen starken Trend zur Ambulantisierung. Damit muss auch die Vergütungssystematik überprüft werden. Bereits vor über zehn Jahren wurden in einem Modellprojekt in Hessen teilstationäre DRGs kalkuliert und vorgeschlagen, die jedoch zunächst keinen Anklang fanden. 2017 gab es einen erneuten Vorstoß, diesmal der TK in Thüringen. Bei vier Indikationen erhalten die Leistungserbringer eine „hybride Vergütung“: Egal, ob die Behandlung im Krankenhaus oder ambulant durchgeführt wird, erfolgt die Vergütung mit derselben Summe, die aus einer Mischkalkulation resultiert. Diese liegt über dem, was ambulant bisher verrechnet wurde, und unterhalb dessen, was die Klink erhielt. In den Vorträgen wurde von ersten Erfahrungen dieses Modells berichtet. So wurde festgestellt, dass unterschiedliche Leistungen unterschiedlich stark in Anspruch genommen werden. Die Vergütung einer Leistung nach DRG habe einen anderen Leistungsumfang und eine andere Komplexität des Falls, die auch im individuellen Gesundheitszustand oder dem sozialen Umfeld und der Morbidität begründet sein kann, hieß es. Dies müsse bei der Forderung „ambulant vor stationär“ berücksichtigt werden. Positiv bewertetet wurde, dass die Leitungen der Hybrid-DRGs identisch dokumentiert werden müssen und damit sektorenübergreifende Qualitätsparameter entstünden. Es wurde angemahnt, dass der Patient wieder deutlicher in den Fokus gerückt werden müsse, der oft die Probleme des Systems trage. „Die Sicht des Arztes ist, ‚wie verdiene ich Geld?´, die Sicht des Patienten, ‚wie werde ich optimal behandelt?‘“ Um dieses Ziel zu erreichen, wurde eine sektorenübergreifende und einheitliche Bedarfsplanung statt einer reinen Regelung der Vergütung gefordert: „Wir brauchen Nahtstellen statt Schnittstellen“. „In der Biologie sind Hybride Mischwesen, und die haben in der Regel eher geringere Chancen, sich fortzupflanzen“, hieß es im weiteren Verlauf der Veranstaltung. Aus Sicht der Kassenärzte sollten vor allem Praxiskliniken und Belegärzte gefördert werden, statt den Handlungsspielraum der Kliniken zu erweitern. Oft könne ambulant oder belegärztlich behandelt werden. Doch es entscheide allein die Klinik, ob sie eine Haupt- oder Belegabteilung etablieren wolle. Folglich stünden bei der Wahl der Organisationsform die wirtschaftlichen Interessen der Klinik im Vordergrund. Es wurde gefordert, dass die KV als Vertreter der Belegärzte in diese Entscheidung einbezogen werden müsse. Sonst sei es nicht möglich, eine Brücke zwischen ambulant und stationär zu bauen. Betont wurde zudem, dass dies ein bayerisches Problem sei – in anderen Bundesländern werde das so gehandhabt.  Auch die unterschiedlichen Zuständigkeiten bei der Bedarfsplanung, die nicht die Gesamtversorgung berücksichtige, sondern die Sektoren getrennt betrachte, wurde thematisiert. Zudem würden sektorenspezifische Vergütungssysteme und Budgets eine engere Verzahnung der Sektoren verhindern. Es gebe wenig Anreize, die Versorgung übergreifend anzugehen. Kliniken für die ambulante Versorgung würden nach EBM vergütet und könnten damit nicht kostendeckend arbeiten. Denn der EBM sei für den ambulanten Bereich entwickelt worden, eine Klinik habe aber andere und höhere Vorhaltekosten. Für Hybrid-DRGs sah man das Risiko, dass Leistungserbringer die einfachen Fälle herauspicken können, die komplexen Fälle dagegen in den Kliniken behandelt werden – die dafür aber eine geringere Vergütung erhalten. Die zunächst getesteten Hybrid-DRGs   beziehen sich zudem alle auf operative Behandlungen. Bei konservativen Therapien würde es deutlich komplexer. In der abschließenden Diskussionsrunde wurde der Wille des Gesetzgebers, die Sektoren zusammenzubringen, hervorgehoben. Die Grenzen ambulant-stationär dürften nicht unnatürlich aufrechterhalten werden, es müsste ein maßgeschneidertes Modell für die Patienten gefunden werden. Um ein modernes Vergütungssystem zu entwickeln, habe man beim Bundesministerium für Gesundheit eine wissenschaftliche Kommission eingerichtet. Dieses basiere auf einem Modell, das EBM und GOÄ weiterentwickelt und angleicht. Vor der Vergütung stehe jedoch die Planung, wann und wo die Leistung erbracht wird.

Tags: Standort München