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Vertreter vom Irre menschlich Hamburg e.V. zu Gast an der Hochschule Fresenius Hamburg – „‘Anders sein‘ ist normal“

Im Rahmen des Schwerpunkts „Klinische Psychologie“ im Bachelor-Studiengang Angewandte Psychologie an der Hochschule Fresenius Hamburg hielten Vertreter des Vereins „Irre menschlich Hamburg e.V.“ im November 2016 einen Gastvortrag. Der Verein entstand 1999 aus dem Hamburger Psychose-Seminar, in dessen Rahmen sich Menschen mit psychischen Problemen, deren Angehörige und  Experten im Bereich Psychiatrie auf Augenhöhe begegnen und voneinander lernen. Dieses trialogische Konzept hat der Verein übernommen. Nicht nur Betroffene und Therapeuten spielen also in dessen Arbeit eine wichtige Rolle, sondern auch die Angehörigen der Betroffenen. So wird das ganze Umfeld eines Betroffenen berücksichtigt und auch die Angehörigen bekommen Unterstützung. Der Verein hat sich zudem zum Ziel gesetzt, Begegnungen zwischen Betroffenen, deren Angehörigen und psychisch gesunden Menschen zu ermöglichen, um die Toleranz und Sensibilität in der Gesellschaft im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen zu steigern. Mit Klischees aufzuräumen und einen unbefangenen Umgang miteinander zu ermöglichen, steht dabei im Mittelpunkt. Dies wird durch regelmäßige Projekte in Betrieben und Schulen, Informationsveranstaltungen und kulturelle Projekte umgesetzt. Vor den Hamburger Studierenden des vierten Fachsemesters referierten eine Psychotherapeutin, zwei Betroffene sowie die Angehörige einer Betroffenen. Zentrales Thema des gemeinsamen ihres Gastvortrags war wie Betroffene und Angehörige eine psychische Erkrankung erleben und damit umgehen. Hierbei stand eine Aussage im Vordergrund, die sensibilisieren soll und sich durch die gesamte Veranstaltung zog: „Der sich und anderen fremd werdende Mensch erlebt die Welt verfremdet und löst Befremdung bei Mitmenschen aus.“ Diese Worte fassen gut zusammen, was viele Betroffene erleben. Nicht nur das eigene Leid, sondern auch die Reaktion und Erwartungshaltung der Menschen im eigenen Umfeld spielen bei einer psychischen Erkrankung eine wichtige Rolle. Um die Studierenden zu informieren und in die Lage eines Betroffenen oder Angehörigen hineinzuversetzen, erzählten die anwesenden Betroffenen sowie eine Angehörige frei aus ihrem Leben und beantworteten die aufkommende Fragen. Eine der beiden Betroffenen ist Frau B. (44). Sie erhielt die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung. Seit ihrem 26. Lebensjahr ereilt sie alle paar Jahre immer wieder eine Depression, die in der Schwere und Dauer variiert. Ihr letzter Schub – der wohl schlimmste von allen, bei dem auch Suizidgedanken auftraten – ist nun sechs Jahre her. Mittlerweile, so Frau B., habe sie gelernt, damit zu leben. Sie ist sich dessen bewusst, dass es immer eine Lebensaufgabe bleiben wird und kann die frühen Warnsignale heute besser erkennen als bei den ersten Schüben. Ein wichtiger Aspekt dabei: Sie lässt den Kontakt zu ihrem Helfernetzwerk auch in guten, „gesunden“ Phasen nicht komplett abreißen, sondern reduziert ihn allenfalls. Dieses Netzwerk besteht nicht nur aus Therapeuten oder Ärzten, sondern auch aus Freunden, Familie, eben Menschen, die ihr guttun. Der zweite Betroffene, Herr S., (36) leidet unter einer drogeninduzierten Psychose. Im sozialen Brennpunkt mit einem alkoholkranken Vater aufgewachsen, kam Herr S. schon früh mit Drogen und Kriminalität in Kontakt und hatte seinen ersten Schub als er 17 Jahre alt war. Aufgrund damals kaum vorhandener Beratungsstellen und sozialer Einrichtungen führte der Weg recht schnell in die Psychiatrie Ochsenzoll, wo er für drei Monate blieb. Nach jahrelangen Hochs und Tiefs mit mehreren psychotischen Phasen, Krankenhausaufenthalten, Arztwechseln und privaten Konflikten ist Herr S. heute Vater und hat seine Erfahrungen nun zum Beruf gemacht: Er begleitet Menschen, die ebenfalls an einer Psychose erkrankt sind, und gibt sein Wissen weiter. Aber nicht nur das Leben der Betroffenen selbst, auch das Leben ihrer Angehörigen wird durch eine Erkrankung maßgeblich beeinträchtigt. So berichtet Frau G., die Schwester einer Betroffenen, wie sehr eine Psychose oder auch jede andere psychische Erkrankung das Leben der gesamten Familie beeinträchtigt. Die Angehörigen hätten oft mehr auszuhalten als man zunächst vermute: Die eigenen Bedürfnisse müssten zurückgestellt werden, gerade Geschwister würden ein wenig vernachlässigt und zudem mache die Stigmatisierung der Betroffenen die Angehörigen wütend. Doch Frau G. könne auch etwas Positives darin sehen: Sie selbst sei nicht nur sensibilisierter für psychisch erkrankte Menschen, sondern auch die Beziehung zu ihrer Schwester sei enger und ehrlicher als früher. Der Gastortrag und der offene Umgang mit den Betroffenen konnte die vielen Facetten psychischer Erkrankungen aufzeigen und für die Studierenden zugänglich machen. Mit Vorurteilen gegenüber psychisch Erkrankten aufzuräumen und Berührungsängste zu verringern, das waren die wesentlichen Ziele der Veranstaltung – und diese wurden definitiv erreicht. Die Hochschule Fresenius bedankt sich herzlich bei dem Verein Irre menschlich Hamburg e.V. für den interessanten, anschaulichen Vortrag und dem Dozierenden Sven Püffel für die Organisation.  

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