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“Schmerz – da schaue ich lieber weg“

“Schmerz – da schaue ich lieber weg“ Wie empfinde ich Schmerz? Und ist es sinnvoll, meine Aufmerksamkeit auf diesen Schmerz zu richten oder soll ich mich lieber gezielt und schnell von ihm ablenken? Die Schmerzwahrnehmung und deren Bezug zur Aufmerksamkeitslenkung stand im Mittelpunkt der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Corinna Baum, die diese Woche am Standort Frankfurt am Main ihre Professur verliehen bekam. Die Situation kennt praktisch jeder von uns: die Verabreichung einer Spritze beim Arzt. Wir wissen, was kommt. Der Umgang damit ist verschieden: Der eine schaut genau hin, der andere lieber weg, in der Hoffnung, dass es dann weniger weh tut. „Schmerzempfinden und -verhalten sind sehr individuell, auch wenn die Intensität des Schmerzreizes ‚objektiv‘ gleich ist“, berichtete Prof. Dr. Baum. „Wir wollten wissen, welche Faktoren diese Schmerzwahrnehmung beeinflussen insbesondere in der Allgemeinbevölkerung ohne akute Schmerzerkrankung.“ Der Schmerz ist eben ein multidimensionales Erlebnis, das sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt, das macht ihn sehr komplex. Es gibt eine sensorisch-diskriminative Ebene, welche sich auf die Art und Intensität des Schmerzes bezieht. Auf motivational-emotionaler Ebene motiviert uns ein negatives Gefühl, die schmerzverursachende Situation zu beenden. Und es gibt noch eine kognitiv-evaluative Dimension: Welche Gedanken verknüpfe ich mit dem Schmerz? „Das ist sehr individuell – es gibt Menschen, die tendenziell ‚katastrophisieren‘, und solche, die eher verharmlosen, und zwischen dem ‚Ich halte das nicht mehr aus‘ und dem ‚Wird gleich schon wieder‘ sind natürlich auch Abstufungen möglich.“ Faktoren, die diese verschiedenen Dimensionen der Schmerzwahrnehmung beeinflussen können, finden sich im Bezug auf den  Kontext und auch bei der Person. Beispielsweise eher stabile Faktoren, wie etwa Einstellung, Gewohnheit und Coping-Strategien, oder eben variable Aspekte, wie die Stimmung, aktuelle Konzentration oder der Stress, dem jemand ausgesetzt ist. „Unsere Forschung deutet darauf hin, dass die Schmerzempfindlichkeit bei gesunden Menschen umso höher ist, je weniger sich die Person im Alltag mit dem Thema Schmerz beschäftigt. Das ist überraschend, da sich dieser Zusammenhang bei Schmerzpatienten anders darstellt. Je mehr Schmerzen auftreten desto mehr beschäftigen sie sich damit.“ Aufmerksamkeit auf den Schmerz und deren Lenkung beeinflussen die Schmerzwahrnehmung. Ablenkung kann unter Umständen ebenso sinnvoll sein wie die Fokussierung. Was wie ein Widerspruch klingt, hängt von der Art des Schmerzes und dem Kontext ab. Bei einem Test mit Bildern von Gesichtern mit Schmerzausdruck auf der einen und einem neutralen Gesicht auf der anderen Seite zeigte sich, dass schmerzfreie Personen das Bild mit Schmerz vermeiden. Sie unterbinden damit die Weiterbeschäftigung, um kein negatives Gefühl entstehen zu lassen. Soweit, so gut. Aber in bestimmten Personengruppen,  wie z.B. Personen mit hoher Furcht vor Schmerz, verhindert dies gleichzeitig die adäquate Reizverarbeitung und die Korrektur von Fehleinschätzungen, fördert unrealistische Befürchtungen und die Überschätzung der Bedrohlichkeit. Gedanklich gelingt schmerzängstlichen Personen die Abkopplung nicht, es findet eine Weiterbeschäftigung statt. Übertragen auf Schmerzsituationen im Alltag kann das dazu führen, dass der Betroffene Alltagshandlungen oder generell die Bewegung meidet. Es könnte ja weh tun. „Gehen wir von einer gesunden Person und leichten oder mittleren Schmerzen aus, führt die angemessene Beschäftigung mit schmerzrelevanten Informationen im Alltag zu einer Verbesserung der Schmerzbewältigung und einer realistischeren Einschätzung des Schmerzes – und auch zu einer Reduzierung von Befürchtungen und Ängsten“, resümierte Prof. Dr. Baum. 

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