menu close
close
News

Die Pharmaindustrie der Zukunft: Einblicke in eine Zukunftsindustrie beim 2. Hochschulsymposium „Biochemical Process Engineering“

Die Hochschule Fresenius und die Process [.-ING] organisierten am 15. Dezember 2015 zum zweiten Mal das Hochschulsymposium „Biochemical Process Engineering“ im Kloster Eberbach (Rheingau). Im Kreis der knapp 30 Teilnehmer diskutierten Professoren der Hochschule Fresenius und die Industrieexperten der Process [.-ING] gemeinsam mit Studierenden des 5. Semesters des Bachelor-Studiengangs Wirtschaftschemie über aktuelle Trends und Herausforderungen der biopharmazeutischen Industrie. Rückblick
Prof. Leo Gros, Mitglied im Hochschulrat und ehemaliger Vizepräsident der Hochschule Fresenius, blickte in seinem Einführungsvortrag zunächst einmal zurück: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, den kann es die Zukunft kosten“, so zitierte er den Schriftsteller Reiner Kunze. In diesem Zusammenhang hob er nicht nur die Tradition der praxisorientierten Ingenieursausbildung an der Hochschule Fresenius hervor, sondern ging auf die sogenannte „industrielle Revolution des Mittelalters“ ein, die durch den Orden der Zisterzienser (unter anderem im Kloster Eberbach) konsequent genutzt und damit auch verbreitet und vorangetrieben wurde. Ausblick
Im Themenschwerpunkt „Pharmaindustrie 4.0“ wagten dann Prof. Daubenfeld und Prof. Schneider von der Hochschule Fresenius einen Blick nach vorne. Prof. Daubenfeld, Studiendekan für den Bachelor- und Master-Studiengang Wirtschaftschemie, betrachtete in seinem Vortrag „Der Markt für Biosimilars: Chancen und Herausforderungen“ die Rahmenbedingungen für biopharmazeutische Nachahmerpräparate und die Herausforderungen in diesem Umfeld. „Das globale Klima für Biosimilars wird milder“, lautet seine Einschätzung. Prof. Schneider, Studiendekan des Master-Studiengangs „Bio- and Pharmaceutical Analysis“ sowie Direktor des Institute für Biomolecular Research, präsentierte den Teilnehmern die Möglichkeiten der modernen Bioanalytik. „Die Bioanalytik hat in den letzten Jahren wesentliche Fortschritte gemacht. Wir können die Sequenz eines Proteins heute innerhalb weniger Tage entschlüsseln. Das hätte vor einigen Jahren noch Monate in Anspruch genommen“, veranschaulichte er den Zuhörern die Entwicklung. Verknüpfung von Theorie und Praxis
Lisa Weidenfeld, Daniel Elbert und Alexander Linack, Process Engineers bei der Process [.-ING], gewährten Einblicke in ihre aktuellen Projekte. Die einzelnen Industrieprojekte stellen dabei ganz unterschiedliche Anforderungen an die Ingenieure. Die Entwicklung eines Forschungsstandortes zu einem Produktionsstandort bringt neben vielen technischen Herausforderungen auch Aufgaben in der Dokumentation mit sich. In einer Mehrproduktionsanlage ergeben sich, bedingt durch die vielen Prozesse und Produkte, andere Herausforderungen. Das Thema der Vermeidung von Kreuzkontamination spielt dort eine wichtige Rolle. Zusätzlich sollen laufende Prozesse optimiert werden, um einen reibungsfreien und schnelleren Ablauf zu gewährleisten (Lifecycle Management). Alle drei Vortragenden sind seit fast anderthalb Jahren bei der Process [.-ING] tätig und studieren im 3. Semester berufsbegleitend an der Hochschule Fresenius den Master-Studiengang Wirtschaftschemie. Sie zeigten in ihrem Beitrag sehr anschaulich, welchen Herausforderungen sich die biopharmazeutische Industrie gegenübersieht – und wie moderne Ingenieure diese lösen. Der zweite Teil des Symposiums beschäftigte sich mit dem Themenschwerpunkt „Biochemical Process Engineering“ (BiochemPE). Dipl.-Ing. Bernd Geis, Geschäftsführer der Process [.-ING], verdeutlichte in seinem Beitrag unter dem Leitmotiv „BiochemPE: Condensed time-to-market & Quality-by-Design approach“ die aktuellen Aktions- und Entwicklungsfelder in der chemisch-pharmazeutischen Prozessindustrie. Aktuell stünden neue und wandlungsfähige Produktionskonzepte, welche insbesondere mit den Kerneigenschaften Flexibilität und Modularität einhergingen, im Fokus der Diskussionen in Forschung, Wissenschaft und industrieller Praxis. BiochemPE ist, so Geis, als Bindeglied zwischen der molekularen Ebene biologischer Systeme sowie flexiblen und modular-skalierbaren Prozessen, Anlagen und Apparaten eine Schlüsseldisziplin der Chemiker und Chemieingenieure. Eine Verzahnung der Elemente Forschung, Lehre und Praxis sowie der weitere Ausbau der bereits bestehenden Kooperation mit der Hochschule Fresenius hat aus Sicht der [.-ING] eine hohe Priorität. Als Fachgebiet sei BiochemPE für Studierende sicher ein vielschichtiges innovatives Technologiefeld, das sich auf den ersten Blick naturwissenschaftlich nicht einfach zwischen Thermodynamik und Transportprozessen, Chemie oder Biokatalyse sowie Pharmakologie und Galenik eingrenzen lässt. Geis: „BiochemPE ist in dieser Hinsicht vielleicht ein wenig wie Quantenmechanik: niemand versteht sie so ganz, aber wir wissen, dass sie funktioniert.“ Wie gut es funktioniert und wie breit die Thematik ist, zeigten Bachelor- und Master-Studierende der Hochschule Fresenius anhand ihrer Forschungsarbeiten, die gemeinsam mit der Process [.-ING] erarbeitet wurden. Julian Ott, Absolvent des Studiengangs „Angewandte Chemie (B.Sc.)“, präsentierte seine Abschlussarbeit zum Thema „Konzeptstudie einer anpassbaren Einheit für den Zellaufschluss mittels Hochdruckhomogenisation in der pharmazeutischen Prozessindustrie“. Dabei verknüpfte er sehr anschaulich Grundprinzipien der physikalischen Strömungslehre, wie er sie im Studium gelernt hat, mit einem konkreten Anwendungsproblem aus der industriellen Praxis. Hierfür konnte er auf die Erfahrung aus einem aktuellen Projekt zurückgreifen. In Anlehnung an die derzeitigen Anforderungen der Pharmaindustrie stellte er ein Konzept dar, das das geforderte Maß an Flexibilitätskriterien erfüllt. Im Anschluss daran stellten drei Process Engineering Professionals der Process [.-ING], die im 5. Semester des Master-Studiengangs Wirtschaftschemie studieren, die Zwischenergebnisse ihrer Masterarbeiten vor. Zunächst verdeutlichte Konrad Deubener in seinem Vortrag „Projektmanagement: Modelldesign und Vergleich mit herkömmlichen Projektmodellen“ die Bedeutung des Themas „Quality-by-Design“ im modernen Projektmanagement in der biopharmazeutischen Industrie. Markus Weise zeigte in seinem Beitrag „Anwendung von Lean Six Sigma in der Intensivierung und Optimierung eines Produktionsstandorts“ auf, wie Kreuzkontaminationen in der Herstellung von Pharmazeutika verhindert werden können. Das ist unter anderem wichtig, um beispielsweise Tollwuterreger in Impfstoffen zu verhindern. Alexander Eden stellte seine Arbeiten zum Thema „Entwicklung einer disruptiv-innovativen Plattform für hochwertige Beratungs- und Ingenieurdienstleistungen“ vor. Dabei überträgt er Erkenntnisse aus dem Bereich der Plattformentwicklung mittels moderner Methoden des Technologie- und Innovationmanagements nach Six Sigma auf die Frage, wie Ingenieursdienstleistungen der Zukunft am besten vermarktet werden können. Wo geht es hin?
Mit genug Stoff für Diskussionen ging das Symposium in die dritte Runde, in der die Teilnehmer Entwicklungsfelder vorstellten. „Spätestens wenn die Möglichkeiten der Visualisierung von cyber-physikalischen Objekten wie Internet der Dinge und Industrie 4.0 auf den Fachkräftemangel einer zweiten pharmakologischen Revolution treffen, verändert sich die Arbeitswelt der beratenden Ingenieure“, stellte Geis fest. Nicht zuletzt aus diesem Grund werde die Process [.-ING] künftig mit Prof. Menges von der Media School Möglichkeiten der Visualisierung entwickeln und an einem virtuellen Ingenieurbüro arbeiten, „welches nur eine Armlänge von der Nasenspitze der Kunden entfernt ist“. Weiterhin wurde deutlich, dass die Disziplinen Chemie und Biologie in der modernen pharmazeutischen Industrie immer weiter zusammenwachsen. Hier entstehe ein innovatives Betätigungsfeld, das von Hochschulabsolventen ein hohes Maß an interdisziplinären Kompetenzen verlangt. Geis betonte, dass die 2013 zwischen der Process [.-ING] und der Hochschule Fresenius ins Leben gerufene M.Sc. Executive Initiative in diesem Zusammenhang einen wichtigen Schritt im Hinblick auf die Qualifizierung von Fachkräften für die „Pharmaindustrie 4.0“ darstellt. Aktuell unterstützt die Process [.-ING] im Rahmen der Kooperation mit der Hochschule Fresenius zehn Studierende des Master-Studienganges Wirtschaftschemie und einen Studierenden des Master-Studienganges Bio- and Pharmaceutical Analysis. Darüber hinaus sammeln acht Bachelor-Absolventen bei der Process [.-ING] bereits vor ihrem Start in die Master-Studiengänge im Wintersemester 2016/17 erste Projekterfahrungen in unterschiedlichen Projekten in ganz Deutschland, von der Ostsee bis zu den Alpen. „Wir sind als Hochschule sehr stolz darauf, dass die Praxisnähe unserer Studiengänge auch in einer solch innovativen Industrie auf ein positives Echo stößt“, sagt Prof. Daubenfeld, der seitens der Hochschule Fresenius die M.Sc. Executive Initiative betreut. „Für Studierende ist diese Initiative eine großartige Möglichkeit, nach dem Bachelorabschluss nicht nur eine akademische Weiterqualifizierung zu erhalten, sondern auch und vor allem einschlägige Praxiserfahrung zu sammeln, die von Arbeitgebern heute sehr hoch geschätzt wird“, so Daubenfeld weiter. Ausklang und Fazit
Den Abschluss des Tages bildete eine Führung durch das Kloster Eberbach, die von Prof. Gros geleitet wurde. Dabei wurde den Teilnehmern noch einmal klar, wie die Zisterzienser seinerzeit die Weinherstellung und den –handel maßgeblich beeinflusst haben. Ob und inwiefern Weinherstellung auch bereits als „Biochemical Process Engineering“ bezeichnet werden muss, wurde dann aber doch im Anschluss an die Führung beim gemeinsamen Abendessen in der Klosterschänke diskutiert. Am Ende des Tages waren sich alle Referenten darin einig, dass die dynamische Entwicklung der biopharmazeutischen Industrie weiter gehen wird. Die Herausforderungen der Branche liegen vor allem in der Ingenieurstechnik, insbesondere in der Projektierung und Planung von Projekten. Hier wurde von beiden Seiten betont, dass eine Kooperation zwischen Hochschule und Praxis, wie sie durch die M.Sc. Executive Initiative seit 2013 gelebt wird, ein wichtiger Baustein zur Sicherung des Fachkräftebedarfs darstellt. Wie sich die Branche weiterentwickeln wird, werden wir spätestens beim nächsten Hochschulsymposium „Biochemical Process Engineering“ 2016 sehen.

Tags: