Hochschule Fresenius
Forschungseinrichtungen am FB Gesundheit & Soziales

Forschung im Fachbereich Gesundheit & Soziales

"Gesundheit" ...

  • ... gehört in unserer Gesellschaft zu den höchsten Werten;
  • ist ein Konstrukt mit zahlreichen Dimensionen, verschiedenen Definitionen und Verständnisformen;
  • weist umfangreiche Verknüpfungen mit sozialen, gesellschaftlichen, ethischen, technischen und ökonomischen Gegenstandsbereichen auf;
  • ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der durch ein labiles Gleichgewicht zwischen fördernden und schädigenden Wirkfaktoren geprägt ist;
  • konstituiert sich individuell, subjektbezogen und übersummativ;...

Rehabilitative und therapeutische Fragestellungen sind die traditionellen Kernaspekte der Forschungslinien des Fachbereichs Gesundheit und Soziales. Neben der Untersuchung von sprachtherapeutischen Ansätzen bei Sprachentwicklungsstörungen wie auch bei erworbenen, chronischen Sprachstörungen bilden vor allem bewegungs- und trainingstherapeutische Interventionen bei neurologischen, onkologischen oder gynäkologischen Krankheitsbildern wesentliche Untersuchungsschwerpunkte. Eine valide und gut differenzierende Diagnostik stellt die Basis für den erfolgreichen Einsatz von Interventionsmaßnahmen dar. Die Prüfung und Weiterentwicklung derartiger Maßnahmen und die Auswahl von geeigneten Diagnosesets sind substanzielle Untersuchungsteile vieler Forschungslinien. Darüber hinaus ist die Diagnostik Gegenstand von grundlagenwissenschaftlichen Studien. Sie bildet somit eigenständige Stränge aus.

Neben rehabilitativen und therapeutischen Fragestellungen rücken soziale Aspekte zunehmend in den Fokus der Forschungstätigkeit, sowohl im Hinblick auf Teilhabe und Lebensqualität als auch als moderierende Variable (Zusammenhalt im Team) im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Christian T. Haas

Prof. Dr. phil. habil. Christian T. Haas
Forschungsdekan Fachbereich Gesundheit & Soziales

Forschungslinien im Fachbereich Gesundheit & Soziales

Bewegung und Training bei neurodegenerativen Krankheitsbildern

  • Beteiligte Forscher: Dr. Stephanie Kersten, Dipl.-Sportl. Christina Lutz, Magnus Liebherr, M. Sc., Dr. Patric Schubert, Julia Drosselmeyer, M. Sc., Prof. Dr. Christian T. Haas
  • Partnerorganisationen: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Aenne Speck Stiftung,  Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung, IKK Südwest, Gemeinnützige Hertie Stiftung

Aus zahlreichen gut kontrollierten Studien geht hervor, dass Bewegung und Training bei verschiedenen neurodegenerativen Krankheitsbildern positive Effekte auf Symptomatik und Krankheitsverlauf sowie auf die motorische Leistungsfähigkeit und Lebensqualität haben können. Eine neurobiologische Schlüsselfunktion stellt dabei die Freisetzung von neurotrophen Faktoren dar, die wiederum erheblich durch Art und Umfang des Trainings beeinflusst wird. In der vorliegenden Forschungslinie wird einerseits untersucht, welche Trainingsmaßnahmen für welche Patientengruppen geeignet sind, und andererseits, wie sie sich in den Alltag der Patienten integrieren lassen. Bewährt haben sich dabei vor allem Trainingsmaßnahmen, die von den Betroffenen selbstständig gesteuert und somit an intrinsische und extrinsische Bedingungen angepasst werden können. Voraussetzungen für eine funktionierende Selbststeuerung sind neurophysiologische, psychologische und trainingswissenschaftliche Wissensbestände und Kompetenzen, die den Betroffenen über Schulungsprogramme vermittelt werden. Eigene Untersuchungen haben gezeigt, dass die Patienten nach den Schulungen in der Lage sind, Trainingsprogramme sinnvoll aufzubauen und systematisch in ihren Alltag zu integrieren. Dies geht einher mit langfristigen Verbesserungen der motorischen Leistungsfähigkeit und einer erhöhten Lebensqualität.

Rehabilitation erworbener chronischer Sprachstörungen

  • Beteiligte Forscher: Prof. Annette Baumgärtner, PhD, Prof. Dr. Tanja Grewe, Prof. Dr. Norina Lauer, Sabrina Kempf, M. Sc.
  • Partnerorganisationen: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Universitätsklinikum Münster, Charité Universitätsmedizin Berlin, Uniklinik RWTH Aachen, Ludwig-Maximilians-Universität München, Katholische Hochschule Mainz

Systematische Übersichtsarbeiten und die Leitlinie für die Rehabilitation aphasischer Störungen infolge eines Schlaganfalls empfehlen für die chronische Phase eine intensive Sprachtherapie. Da randomisierte kontrollierte klinische Studien mit hohen Patientenzahlen fehlen, wird Intensiv-Sprachtherapie von den Kosten- und Leistungsträgern des deutschen Gesundheitswesens als nicht hinreichend evidenzbasiert gewertet. In einer deutschlandweiten Versorgungsstudie zur Wirksamkeit intensiver Sprachtherapie bei Menschen mit chronischer Aphasie (Kürzel: FCET2EC) fand international erstmals eine Wirksamkeitsprüfung auf einem hohen methodischen Niveau statt. Deutschlandweit nahmen 19 Klinikzentren mit insgesamt 156 Patienten daran teil. Erste Untersuchungsergebnisse belegen die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der intensiven integrativen Sprachtherapie. Neben der Wirksamkeitsprüfung von Rehabilitationsmaßnahmen kommt der Arbeit von Selbsthilfegruppen eine große Bedeutung zu. Hier steht die Frage im Vordergrund, inwieweit Selbsthilfe bei Aphasie zur Steigerung der Lebensqualität und Kompetenz von Betroffenen und ihrer Angehörigen beitragen kann. Da Aphasie-Selbsthilfegruppen noch zu selten von Betroffenen selbst geleitet werden, sollen mittels einer spezifischen Schulung mehr Personen mit Aphasie in die Lage versetzt werden, solche Gruppen eigenständig aufzubauen und zu leiten. Parallel dazu wird ein eigenständiges Angebot für die Angehörigen etabliert. Es wird erwartet, dass die eine Selbsthilfegruppe leitenden Betroffenen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und ihre Angehörigen von einem solchen Angebot profitieren, sodass der Rückgriff auf soziale und medizinische Hilfen erst zu einem späteren Zeitpunkt notwendig wird.

Aktuelles Forschungsprojekt: Selbsthilfegruppenarbeit bei Aphasie zur Steigerung der Lebensqualität und Kompetenz

Mobilität im Alter - Mobilität und Gesundheit

  • Beteiligte Forscher: Prof. Dr. Christian T. Haas, Dr. Patric Schubert, Magnus Liebherr, M. Sc., Linda Strelau, M. Sc., Giulia Bradaran, M. Sc., Matthias Tomczak, M. Sc., Britta Fuchs, M. Sc., Knut-Sören Ostermann, B. Sc., Gerlof den Duijn, B. Sc., Sarah Stickl, Franziska Schaefer, Johanna Möller
  • Partnerorganisationen: House of Logistics and Mobility - HOLM (Frankfurt am Main), DB Regio AG, LOEWE-Forschungsförderung, Heag Mobilo GmbH (Darmstadt)

Mobilität ist ein prägendes Element unserer Gesellschaft und wird in erheblichem Maß durch den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ermöglicht. Im Zuge des demografischen Wandels ergeben sich neue Anforderungen im Hinblick auf Mobilitätsmotive, -hindernisse und -förderfaktoren. Die vorliegende Forschungslinie untersucht derartige Aspekte aus sozial- wie auch aus naturwissenschaftlicher Perspektive, damit insbesondere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern mittel- und langfristig möglichst gute Mobilitätsoptionen angeboten werden können. Wichtig ist dies unter anderem, um sicherzustellen, dass sich ältere Menschen eigenständig versorgen können bzw. für sie der Zugang zum Gesundheitssystem gewährleistet ist und somit ihre Lebensqualität und Würde gewahrt bleibt. Die Untersuchungen im Busverkehr zeigen, dass der Zugang zum ÖPNV nicht nur durch räumliche Anforderungen des Ein- und Ausstiegs determiniert wird. Ebenso spielt eine bedeutende Rolle, dass (ältere) Fahrgäste während einer Busfahrt häufig hohen und unvermittelt wirkenden Kräften ausgesetzt sind, wodurch sie einem besonderen Verletzungsrisiko unterliegen bzw. ihr Sicherheitsempfinden leidet. Als bedeutsam hat sich die Funktion des Busfahrers erwiesen, der von den Fahrgästen nicht nur als Transporteur wahrgenommen wird, sondern idealerweise auch als Ansprechpartner und Unterstützer zur Verfügung stehen sollte.

Identifikation und Moderation gesundheitsrelevanter Kenngrößen in Arbeitswelten

  • Beteiligte Forscher: Sabine Hammer, M. Sc., , Magnus Liebherr, M. Sc., Prof. Dr. Christian T. Haas
  • Partnerorganisationen: DB Schenker Rail Deutschland AG

Im Zentrum des betrieblichen Gesundheitsmanagements standen bis vor wenigen Jahren noch die physischen bzw. physikalischen Bedingungen eines Arbeitsplatzes (Lärm, Staub, falsche Sitzhaltung, mangelnde Bewegung etc.). Mittlerweile werden mehr als die Hälfte der Anträge auf Frühverrentung aufgrund psychischer Erkrankungen gestellt. Schnelle und vielfältige Veränderungen der Arbeitswelt führen zu neuen und häufig hochkomplexen Anforderungen an die Ausübung, Aufrechterhaltung und Entwicklung einer Berufstätigkeit. Dementsprechend ist davon auszugehen, dass "einfache" Maßnahmen zur Förderung der Gesundheit im Betrieb wie eine Rückenschule oder Ernährungsberatung nicht umfassend oder nachhaltig greifen. Um langfristig positive Effekte zu erzielen, muss ein betriebliches Gesundheitsmanagement globale Entwicklungen, die spezifischen Bedingungen einer konkreten Arbeitssituation und die individuellen Prädispositionen des einzelnen Berufstätigen berücksichtigen. Untersuchungen in der vorliegenden Forschungslinie konnten zeigen, dass der Zusammenhalt im Team und die Wertschätzung der geleisteten Arbeit einen markanteren Einfluss auf die Gesundheit ausüben als die körperliche Belastung selbst. Die weiterführenden Zielstellungen der Forschungsarbeit liegen nun darin, generelle Systematiken zu entwickeln, anhand derer spezifische und individuelle Arbeitskontexte präzise analysiert werden können, um daraus zielführende Maßnahmen ableiten zu können.

Diagnostik und Therapie von Sprachentwicklungsstörungen

  • Beteiligte Forscher: Susanne Vogt, M. Sc., Prof. Dr. Petra Korntheuer, Prof. Dr. Carla Wegener, Maike Gumpert, M. Sc.
  • Partnerorganisationen: Trägerkreis Idsteiner Kindertageseinrichtungen, Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V., Institut für Phonetik der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Störungen der Sprachentwicklung liegen bei etwa 10 Prozent aller Kinder vor. Sie können isoliert oder im Zusammenhang mit weiteren Störungen oder Primärerkrankungen wie Fehlbildungen des Schädels und genetisch bedingten Störungen auftreten. Sprachentwicklungsstörungen ziehen häufig Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, Lernprobleme sowie soziale und andere Schwierigkeiten nach sich. Damit solchen Problemen und ihren Folgen begegnet werden kann, werden in dieser Forschungslinie Instrumente zur Identifikation gefährdeter Kinder entwickelt und erprobt. Hierzu werden beispielsweise Säuglingsschreie analysiert. Bei älteren Kindern wird unter anderem der Sprachstand im Kindergarten erfasst. Die Fortführung von Untersuchungen bis ins Schulalter ermöglicht Längsschnittanalysen zum Verlauf des Sprach- und Schriftspracherwerbs. Darüber hinaus richtet die Forschungslinie den Fokus auf Möglichkeiten der Intervention bei den beschriebenen Störungen. Hier zeigt die Forschung der Arbeitsgruppe, dass die Nutzung nonverbaler Hinweisreize wie Gesten und Gebärden die Kinder beim Erwerb und der Verwendung von Sprache unterstützen kann. Zudem weisen die Untersuchungen darauf hin, dass zum Beispiel mit dem dialogischen Lesen Kinder - je nach Indikation in Laut- oder in Gebärdensprache - ihre Sprachfertigkeiten verbessern können. Hinzu kommen Untersuchungen im Bereich Early Literacy und zur Prävention von Schriftsprachstörungen.

Beckenbodenaktivität im Alltag und Sport, Trainings- und Kontinenztherapie

  • Beteiligte Forscher: Prof. Dr. Birgit Schulte-Frei, Lars Jäger, M. Sc.
  • Partnerorganisationen: AG Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie, Proktologie im Deutschen Verband für Physiotherapie ZVK e.V. (Buchholz); Heilig-Geist-Krankenhaus Köln; Velamed GmbH (Köln); Nationale Expertenkommission zum Sport in der Onkologie; AK Sport und Schwangerschaft, Deutsche Sporthochschule Köln

Mittlerweile ist vielfach belegt, dass ein Training der Beckenbodenmuskulatur ein wesentliches, zentrales Element im Rahmen von diversen Konzepten für die Kontinenztherapie darstellt. Gleichwohl begünstigt zu intensive sportliche Aktivität die Ausbildung von Inkontinenz. Entscheidende Faktoren in diesem Zusammenhang sind unterschiedliche individuelle Belastungen und Beanspruchungen sowie physische Fähigkeiten. In allen Fällen führt die Ausbildung von Inkontinenz zur Reduzierung sportlicher Aktivität und damit zum Verzicht auf ihre gesundheitsfördernden Wirkungen. Eine weitere zentrale Folge ist die deutliche Verschlechterung der Lebensqualität. In der Forschungslinie wird untersucht, welche Faktoren zu einer Überbeanspruchung des Systems Becken und Beckenboden führen, um dies dann in der Therapie berücksichtigen zu können. In diesem Zusammenhang wird auch der Beckenboden von gesunden Personen mittels biomechanischer Analysen untersucht. Des Weiteren werden die zur Verfügung stehenden Konzepte zur Therapie von Inkontinenz wissenschaftlich begleitet und auf ihre Effektivität hin evaluiert.

Bewegungstherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in der Orthopädie und Onkologie

  • Beteiligte Forscher: Prof. Dr. Michael Jung, Dr. Patric Schubert
  • Partnerorganisationen: Zentrum der Kinder- und Jugendmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main; Institut für Sportwissenschaften der Goethe- Universität Frankfurt am Main; Charité - Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie; Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft; Sozialpädiatrisches Zentrum Frankfurt Mitte

Zahlreiche Studien in der Erwachsenen-Onkologie belegen die positiven Auswirkungen von Bewegung bei krebsbedingter Fatigue. Nachdem das Auftreten von Fatigue auch bei krebskranken Kindern festgestellt werden konnte, wurde in einer randomisiert kontrollierten Studie der Einfluss bewegungstherapeutischer Maßnahmen auf Kinder und Jugendliche nach einer Stammzelltransplantation untersucht. Kindgerechte Maßnahmen wie Fahrradfahren (auf dem Ergometer) fanden im Patientenzimmer statt und zeigten positive Effekte auf Fatigue und auch auf Kraft und Ausdauer. Ein bedeutsamer Faktor ist die dadurch gesteigerte Lebensqualität krebskranker Kinder und Jugendlicher, die häufig vor ihrer Erkrankung sportlich sehr aktiv waren. Eine zweite Forschungslinie untersucht die Wirkung physiotherapeutischer Maßnahmen bei Chemotherapie-induzierter peripherer Neuropathie. Hier wurde aufgrund geringer Evidenz zuerst ein Assessment an die Zielgruppe der Kinder angepasst und im Folgenden ein Behandlungsregime für eine Studie ausgearbeitet. Eine dritte Forschungsreihe untersucht die Einflüsse physiotherapeutischer Maßnahmen auf haltungsasymmetrische Säuglinge. Durch zahlreiche Studien belegt, werden hier frühe Interventionen empfohlen, die teilweise auch durch die Eltern zu Hause vorgenommen werden können (unter anderem Lagerung). Die Studie untersucht, ob eine der beiden in Deutschland gängigen Behandlungsmethoden für Säuglinge der anderen überlegen ist und welchen Einfluss Dauer und Frequenz der Therapie auf den Behandlungserfolg haben. Ziel der Forschung ist es nicht nur, Eltern Hinweise für den sicheren, entwicklungsfördernden Umgang mit dem haltungsasymmetrischen Säugling zu geben, sondern auch darauf hinzuwirken, dass ein möglicherweise die weitere Knochenentwicklung (vor allem Wirbelsäule, Hüften) und das Wachstum schädigender Faktor beseitigt wird.

Motorische Kontrolle, Bewegungsvariabilität, Dual-Task- Anforderung

  • Dr. Patric Schubert, Magnus Liebherr, M. Sc., Prof. Dr. Christian T. Haas
  • Partnerorganisationen: LOEWE-Forschungsförderung, House of Logistics and Mobility - HOLM (Frankfurt am Main)

Die Analyse der posturalen Kontrolle und des Gehens besitzt eine lange Geschichte. Veränderungen in jedem der beiden Bereiche sind häufig assoziiert mit einer Erhöhung des Sturz- und Verletzungsrisikos sowie einer Reduktion der Lebensqualität. Traditionell geschieht eine Quantifizierung der posturalen Kontrolle über das Ausmaß der Körperschwankung. Beim Gehen stehen räumliche (Schrittlänge, Spurbreite) wie auch zeitliche (Stützdauer, Schrittdauer) Merkmale im Fokus der Analyse. Neuere Untersuchungen zeigen nun, dass die traditionellen Verfahren nur bedingt geeignet sind, zwischen unterschiedlichen Anforderungen bzw. physiologischen und pathologischen Zuständen zu differenzieren. Die vorliegende Forschungslinie nutzt strukturelle und nichtlineare mathematische Verfahren (Wavelet Transformation, Multi-Scale-Entropie, Detrended Fluctuation Analysis) zur Musterbewertung der posturalen Kontrolle und des Gehens. Im Kern weisen diese neuen Verfahren eine höhere Sensitivität für die Differenzierung von Leistungszuständen auf und bieten Potenzial im Kontext der Früherkennung von neudegenerativen Krankheitsbildern. Neben dem Auswertungsmodus spielt die Organisation der Messbedingungen eine zentrale Rolle für die Verwertbarkeit der Daten im Alltag. Während klassische Messungen in der Regel als "Single-Task" durchgeführt werden, ist der Alltag durch "Dual-Task"-Anforderungen wie etwa "sich unterhalten während des Gehens" geprägt. Aufgrund dieser Divergenz, aber auch unter Berücksichtigung der prinzipiell mit fortschreitendem Alter abnehmenden Dual-Task Performance werden umfangreiche Testserien durchgeführt, um Systematiken zu Aus- und Wechselwirkung der Aufgaben zu erhalten.

Neurorehabilitation, Neuroplastizität

  • Beteiligte Forscher: Prof. Dr. Marcela Lippert-Grüner
  • Partnerorganisationen: ANR Bonn

Erkenntnisse über die Grundlagen von Lernprozessen, basierend auf den Mechanismen der zentralnervösen Plastizität, bilden die Grundlagen der rehabilitativen Förderung von Patienten nach einer erworbenen Hirnschädigung, in der das Wiedererlangen/Wiedererlernen verloren gegangener bzw. das Neuerlernen kompensatorischer Fähigkeiten zu den vorrangigen Therapiezielen zählt. Aus zahlreichen sowohl experimentellen als auch klinischen Untersuchungen geht hervor, dass Trainingsmaßnahmen zu einer Veränderung der neuroanatomischen Struktur des Gehirns führen. In eigenen experimentellen Studien konnte gezeigt werden, dass ein frühes sensomotorisches Training nach einer Hirnschädigung nicht nur den funktionellen Outcome positiv beeinflusst, sondern auch zu einer Verkleinerung der Läsionsgröße führt. Somit kann ein gezieltes Training zum Überleben der funktionell geschädigten Nervenzellen beitragen und die Vorgänge der Apoptose mindern. Ein "erzwungener" Nichtgebrauch der betroffenen Extremitäten wie auch ein exzessives Training unmittelbar nach dem Eintritt der Hirnschädigung wirken sich stattdessen negativ auf die funktionelle Erholung aus. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der zerebralen Regeneration und Plastizität spielt die Freisetzung neurotropher Faktoren, die eine hohe Sensitivität gegenüber solchen Trainingsmaßnahmen aufweist. Aus diesem Grund gehört die gezielte individuelle Anpassung von Art und Intensität der Trainingsmaßnahmen gerade in der Behandlung von schwer hirngeschädigten Patienten zu den wesentlichen Voraussetzungen für den Erfolg der Behandlung.