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Von der Pike auf

2005 startete Dr. Tanja Fuhr ihr Bachelorstudium der Logopädie an unserer Hochschule Fresenius in Idstein. 13 Jahre später wird sie an derselben Hochschule zur Professorin berufen und wir erwarten gespannt ihre Antrittsvorlesung zur Säuglingsschreidiagnostik – ein Forschungsprojekt, an dem sie auch in Zukunft weiterarbeitet und das seit diesem Jahr interne finanzielle Förderung erhält. Damit gilt sie als Eigengewächs par excellence.

Unser ehemaliger Studiendekan des Bachelorstudiengangs Logopädie, Prof. Dr. Jürgen Tesak war es, der Tanja Fuhr damals für die Logopädie begeisterte: „In der 13. Klasse, kurz vor dem Abitur gab es in der Schule einen Berufsorientierungstag. Prof. Tesak stellte den Beruf des akademischen Sprachtherapeuten vor. Dieser Vortrag war ausschlaggebend dafür, dass ich mich mit dem Berufsbild näher auseinandersetzte und mich für das Studium der Logopädie entschied. Besonders faszinierend an diesem Beruf war für mich, dass man mit allen Altersgruppen arbeiten kann: begonnen bei der Therapie von Säuglingen mit Fütterstörungen beispielsweise, bis hin zu der Therapie von älteren Menschen mit Sprach- und Schluckstörungen“, erinnert sich Tanja Fuhr.

Ein Beispiel Tesaks aus der Aphasietherapie beeindruckte sie besonders: „Er stellte sehr eindrucksvoll dar, welche Auswirkungen ein Schlaganfall auf das Sprachsystem haben kann. Dadurch konnte ich einen ersten Einblick gewinnen, wie komplex und vielschichtig das Sprachsystem ist.“ Mittlerweile fasziniere sie das Sprechen besonders, „also die terminierten und abgestimmten Bewegungen der Artikulationsorgane, wie z. B. der Zunge oder der Lippen beim Sprechen. Es ist wirklich sehr faszinierend, wie viele Muskeln genau aufeinander abgestimmt arbeiten müssen, um ein einzelnes Wort zu produzieren.“

Zwischen Theorie und Praxis

Für die Hochschule Fresenius habe sich Tanja Fuhr entschieden, da diese damals schon als Vorreiter in der akademischen Ausbildung von Sprachtherapeuten galt und bereits einen sehr guten Ruf in den logopädischen Fachkreisen genoss.

In ihrer Bachelorarbeit widmete sie sich zusammen mit einer Kommilitonin dem Thema Aphasie, also einer durch einen Schlaganfall oder einen Unfall erworbene Sprachstörung: „Wir haben modellgeleitete Übungen für das Computerprogramm „Fleppo“, ein comupterbasiertes Trainingsprogramm für Aphasiker für das häusliche und/oder therapiebegleitende Üben entwickelt, das im Anschluss an die Bachelorarbeit sogar in das Programm implementiert wurden.“

Der Bachelorabschluss reichte aber nicht: „Nach dem Abschluss des Studiums und mit Beginn meiner praktischen Tätigkeit wurde mir bewusst, dass eine fundierte theoretische Grundlage und die Fähigkeit wissenschaftlich arbeiten zu können, essentiell für eine gute logopädische Therapie sind.“ Und so entschied sie sich für ein berufsbegleitendes Masterstudium, das es ihr ermöglichte, fundierte Kenntnisse im wissenschaftlichen Arbeiten zu erlangen und gleichzeitig weiterhin in der sprachtherapeutischen Praxis zu arbeiten, um dort das erworbene Wissen praktisch anwenden zu können. Der Master Therapiewissenschaften an der Hochschule Fresenius war daher die geeignete Wahl für sie.

Dr. Tanja Fuhr in der Lehre

Ein Schrei voll Informationen

Während ihres Masterstudiums, in ihrer Master- und später auch in ihrer Doktorarbeit, beschäftigte sich Tanja Fuhr mit dem Säuglingsschrei: „Es ist faszinierend, welche Fülle an Informationen in dem Schrei eines Säuglings stecken. Ich konnte in meiner Promotion zeigen, dass Säuglinge mit bestimmten Störungsbildern, wie Hörstörungen oder Laryngomalazie, spezifische akustische Eigenschaften in ihren Schreien aufweisen. Ich konnte ein Verfahren entwickeln, welches Schreie von Säuglingen mit verschiedenen Störungsbildern anhand der akustischen Eigenschaften unterscheiden kann.“

Mit ihrer Forschung leistet sie einen wesentlichen Beitrag in der Diagnose von Sprachstörungen und so erhielt das Forschungsprojekt nun Förderung: „Das entwickelte Verfahren zur Unterscheidung von Säuglingsschreien soll im Rahmen des Forschungsprojektes weiterentwickelt und auf das Störungsbild der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte spezifiziert werden. Hierbei erhoffen wir uns, dass die gewonnenen Erkenntnisse Anwendung in zukünftigen Screening Verfahren, z. B. zur Identifizierung von submukösen Gaumenspalten, finden können. Leider erfolgt die Diagnose einer submukösen Gaumensegelspalte, die wir im Besonderen untersuchen, oft erst sehr spät, also im Vorschul- oder frühen Schulalter. Kinder mit dieser angeborenen Fehlbildung haben bis zu diesem späten Diagnosezeitpunkt bereits eine lange Fehlentwicklung der Sprache und Hörfähigkeit durchlaufen, was erhebliche Auswirkungen u.a. auf ihre soziale Integration und die Wahl der Schulform haben kann. Die Entwicklung eines Diagnosetools, das bereits im Säuglingsschrei eine solche schwerwiegende Fehlbildung erkennt, würde eine erhebliche Lücke im Bereich der frühen Diagnostik schließen.“

Auch in Zukunft möchte Tanja Fuhr im Bereich der Säuglingsschreiforschung und weiterer logopädischer Forschungsbereiche tätig sein. Aber auch ihrer Arbeit als Sprachtherapeutin in der logopädischen Praxis wird sie weiterhin nachkommen, um nicht den Bezug zu verlieren: „Ich bin davon überzeugt, dass im Bereich der Logopädie noch viel Potential für Forschung steckt und wir hier durch die Nähe zur Praxis einen wertvollen Beitrag leisten können.“