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Elisabeth beim Auslandspraktikum in Australien

Elisabeth Vormann studierte Ergotherapie an der Hochschule Fresenius in Idstein, absolvierte eines ihrer vier Pflichtpraktika in einem Städtchen rund eine Autostunde von Sydney entfernt. Das hat aus ihr „einen anderen Menschen gemacht – im positiven Sinne“, sagt sie.

Was hat Sie dazu bewogen, nach Australien zu gehen?

In der elften Klasse war ich schon einmal für ein Jahr in West-Virginia in den Vereinigten Staaten. Das hat mich damals sehr geprägt – sprachlich war das ein großer Gewinn, aber auch meine Persönlichkeitsentwicklung hat das ungemein vorangebracht. An der Hochschule Fresenius erfuhr ich dann, dass ich eines der Praktika auch im Ausland machen kann – und da ich Australien schon lange kennenlernen wollte, erkundigte ich mich nach Möglichkeiten, dorthin zu gehen.

Wie ging es dann weiter?

Einen Platz zu finden, gestaltete sich zunächst schwierig. Recherchen über das Internet und über die „Yellow Pages“ – die heißen wirklich so – haben mich erst einmal nicht wirklich weiter gebracht. Bei Facebook habe ich dann eine Praxis ausfindig gemacht und einfach mal mein Profil geschickt, gar keine große Bewerbung. Mit der Praxisinhaberin ist dann ein Schriftverkehr zustande gekommen und während unseres Skype-Interviews hat sie mir direkt eine Praktikumsstelle angeboten. So landete ich in Berkeley Vale, an der Westküste, nordwestlich von Sydney.

Was war das für eine Praxis?

Es handelte sich um eine interdisziplinär ausgerichtete Pädiatrische Praxis. Die Praxisleiterin war ebenfalls Ergotherapeutin. Ihr Mann war so etwas wie ein Praxismanager und hat sich um alles Organisatorische gekümmert. Daneben gab es zwei weitere Ergotherapeutinnen, drei Physiotherapeuten und eine Logopädin.

Was mich sehr beeindruckt hat: Hier wird Interdisziplinarität wirklich gelebt: Bei den Gruppenarbeiten mit acht bis zehn Kindern sind alle Therapeuten im gleichen Raum. Wir haben Stationen aufgebaut und die Kinder haben nacheinander Sprechübungen, Trainings für die Weiterentwicklung der Feinmotorik und Gleichgewichtsübungen gemacht. Was mich ebenfalls fasziniert hat, sind die vielen Hilfsmittel, mit denen wir in Australien gearbeitet haben, die gibt es hier gar nicht. Als ich meine Rückreise nach Deutschland antrat, habe ich einen ganzen Koffer mit Material und Spielen mitgebracht.

Wie haben Sie sich während der Arbeit gefühlt – sind Sie gut akzeptiert worden?

Ich wurde sehr herzlich aufgenommen, von Anfang an war die Stimmung gut. Mit den Kolleginnen hat das hervorragend geklappt, auch mit den Kindern. Interessanterweise sind in Australien bei den Therapieeinheiten immer auch die Eltern dabei, die auch viele Fragen gestellt haben. Daran musste ich mich erst gewöhnen, es war aber auch kein Problem, sie darauf hinzuweisen, dass ich erst mit dem Kind arbeiten und Fragen erst später beantworten möchte. Ich wurde jedenfalls immer als „Our German Lissy“ vorgestellt, das hatte etwas Vertrautes und zeigte, dass ich akzeptiert wurde.

Gab es ein Erlebnis, das Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit besonders beeindruckt hat?

Es gab einen vierjährigen Jungen, der zunächst auf dem Boden herumgekrabbelt ist und praktisch gar keine Notiz von seiner Umgebung genommen hat. Seine Mutter war alkohol- und drogenabhängig, leider auch während der Schwangerschaft. Es war eine Riesenherausforderung, ihn überhaupt in irgendeine Aktivität einzubinden. Wir haben sehr viel versucht, um ihm eine Teilnahme an seiner Umwelt zu ermöglichen. Am Anfang war es schon nicht möglich, ihm zu helfen sich hinzusetzen, weil er sich mit Kratzen und Beißen gewehrt hat. Mit Seifenblasen haben wir es dann geschafft, eine Reaktion zu erzeugen, ihnen hat er hinterhergeschaut beziehungsweise ein Schaudern gezeigt, wenn sie in seiner Nähe geplatzt sind. Gegen Ende des Praktikums konnten wir ihn dann mithilfe eines „Walkers“ zum Gehen bringen, das ist ein Gerät, in das der Patient richtig eingebunden wird, also kein Rollator. Darin hat er dann zum Beispiel auch auf Bauklötze reagiert, indem er nach ihnen gegriffen hat. Natürlich weiß ich nicht, was in dem Kind vorgeht, aber sein Gesichtsausdruck vermittelte den Eindruck, dass ihm das sehr gut getan hat – auch die Reaktion der anderen Kinder, die seine Fortschritte zu Freudenstürmen animiert haben.

Wo haben Sie gewohnt, was haben Sie gemacht?

Als mir die Praxisleiterin während des Skype-Gesprächs die Stelle angeboten hat, inkludierte das gleich auch Kost und Logis in ihrer Familie. Als Gegenleistung wünschte sie sich lediglich, dass ich am Familienleben mit ihrem Mann und den zwei Kindern – zehn und 13 Jahre alt – teilhabe. Ich habe wahnsinniges Glück gehabt, ich habe mich wirklich sehr wohl gefühlt, vom ersten Augenblick an. Wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht, am Abend gab es ab und zu ein Glas Wein oder Sekt auf der Terrasse, wir haben zusammen gekocht und über die Ereignisse des Tages gesprochen oder den nächsten schon gedanklich vorbereitet. Ich hatte ein Auto zur Verfügung, konnte mit den Kindern zum Strand oder auf den Markt, um mir gänzlich unbekannte Früchte zeigen zu lassen. Sogar eine Woche Urlaub habe ich mit der Familie verbracht, wir waren in Surfer’s Paradise. Ansonsten war ich viel spazieren und joggen – und Sydney habe ich selbstverständlich besucht und mich dort sogar mit einer Freundin aus Deutschland getroffen.

Man spürt Ihre Begeisterung.

Absolut. Mit mir ist in dieser Zeit ganz viel passiert, ich möchte fast sagen, dass ich ein anderer Mensch geworden bin. Das bekomme ich auch von Familien und Freunden zurückgemeldet. Meine Gastmutter und Praxisleiterin hat einmal gesagt: ‚Was man jetzt tun kann, sollte man tun. Aber man sollte sich selbst dabei nicht vergessen‘. Die Aussage symbolisiert die ganze Mentalität: Fleißig sein, arbeiten, lernen – und leben. In Australien wird sehr hart gearbeitet, aber insgesamt mit einer anderen Einstellung, weniger verbissen und verkrampft als es mir hierzulande schon begegnet ist. Ich habe die Einsicht gewonnen, dass man trotz – oder vielleicht sogar wegen – der deutlich entspannteren Einstellung unheimlich viel leisten kann. Ich habe gelernt, dass nicht immer alles tausendprozentig sein muss, damit es gut oder erfolgreich ist. Glücklicherweise konnte ich mir das bewahren und auf meinen deutschen Alltag übertragen. Manchmal muss ich mir aber auch in Erinnerung rufen, dass es nichts bringt, wenn man sich selbst zu sehr unter Druck setzt.