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Freemover Auslandssemester • Nanaimo, British Columbia, Kanada

Antonie beim Freemover Auslandssemester in Kanada

Antonie studiert Wirtschaftspsychologie am Standort Berlin und hat ein Freemover Auslandssemester an der Vancouver Island University (VIU) in Nanaimo, British Columbia gemacht.

Ein Freemover bedeutet eindeutig mehr Organisation als ein Integriertes Auslandssemester, ist aber auf jeden Fall machbar. Für mich persönlich waren die Städte, in denen die Integrierten Auslandssemester angeboten wurden nicht so ansprechend, deshalb habe ich mir erst die Umgebung ausgesucht, in die ich möchte und habe mich dann nach passenden Unis umgesehen. Mein Plan, im Rahmen meines Bachelorstudiums ein Auslandssemester einzulegen, begann 2014. Ich habe meine Ferien in Vancouver verbracht  und war so begeistert von der Landschaft aus Meer, Seen, Bergen und dem einmaligen Flair der Stadt, dass ich unbedingt einmal eine Zeit lang in dieser atemberaubenden Umgebung leben wollte. Auf den folgenden Seiten stelle ich vor, wie ich das Semester auf die Beine gestellt habe und wie man, nachdem die Organisation und die Bürokratie bewältigt sind, so lebt in British Columbia.

First steps

Die beste Zutat für ein Auslandssemester ist Fernweh. Ich habe die Organisation des Auslandssemesters sehr lange vor mir hergeschoben, da ich mir die Bewerbung, das Visum, die Unterkunftsplanung, die Anrechnung meiner im Ausland zu erbringenden Leistungen usw. sehr kompliziert vorstellte. Meine Neugierde und die Lust auf ein kleines Abenteuer fernab von der gewohnten Umgebung haben mir dann zum Glück den nötigen Schubs gegeben, um mich doch mit ausreichend Zeit drum zu kümmern. Und es war alles halb so wild – ich habe mich ein wenig einschüchtern lassen von einigen Empfehlungen im Internet, 2 Jahre vor Abflug mit der Organisation zu beginnen – ich habe im Endeffekt alles in einem halben Jahr auf die Beine gestellt. Geholfen hat in meinem Fall, dass ich z.B. schon den erforderlichen Sprachnachweis in der Tasche hatte und von Anfang an genau wusste, in welchem Land ich studieren möchte.

Von der Idee zur Zusage

Zur Unterstützung bei der Organisation habe ich mich an IEC gewandt, eine kostenlose Auslandsvermittlung, die auf Ihrer Website einige Unis und Colleges nach Ländern geordnet vorstellt. Die Mitarbeiter von IEC beraten einen sehr ausführlich bei allen möglichen Anliegen, helfen bei der Bewerbung und unterstützen einen besonders in der Anfangsphase der Planung. Da ich von Beginn an wusste, dass ich nach Kanada an die Westküste möchte, konnte ich recht schnell eine engere Auswahl treffen. Letzendlich wurde es natürlich die Uni, die von den angebotenen Fächern am besten zu den Kursen an der Fresenius passten, in meinem Falle die Vancouver Island Universität in Nanaimo, einer 80.000 Einwohnerstadt gegenüber von Vancouver auf Vancouver Island.

Kaum war die Uni ausgewählt ging es an die Bewerbung, die dank IEC auch sehr reibungslos verlief. Ich habe die erforderlichen Unterlagen an IEC weitergeben, IEC hat diese dann auf Vollständigkeit überprüft und an die VIU weitergeleitet. Erforderlich für die Bewerbung sind u.a. einige Formulare und eine Bewerbungsgebühr von 150 CAD, welche für die meisten Unis anfällt – man sollte sich also sicher sein, wo man sich bewirbt und die Bewerbung mit Sorgfalt behandeln. Zusätzlich zu den Formularen braucht man auf jeden Fall meistens einen Sprachnachweis, der ein gutes Englischlevel nachweist. Ich hatte bereits ein Cambridge Certificate und konnte mir dieses anrechnen lassen.  Je nachdem wie lange man im Ausland studieren möchte braucht man natürlich auch ein Visum bzw. ein Study Permit, um das man sich frühzeitig kümmern muss. Bei einem Aufenthalt von nur einem Semester reicht ein normales Urlaubsvisum jedoch i.d.R. aus. Bei der Einreise nach Kanada musste ich lediglich die Studienbestätigung der Uni vorzeigen und ein paar Fragen zu meinen Einreisegründen beantworten. Meinen Rückflug nach Deutschland habe ich nämlich erst gegen Ende des Semesters gebucht, da ich so flexibel wie möglich sein wollte und überlegt hatte, im Frühjahr spontan noch reisen zu gehen.

Kurswahl aus der Ferne

Nach einigen Wochen des Wartens kam sie dann, die Zusage! Dann ging es erst richtig los -nach Kursen suchen, Flüge buchen und nach einer Unterkunft umsehen. Der knifflige Teil: In die entsprechenden Kurse eintragen konnte man sich erst ab einem bestimmten Datum im Mai, d.h. die Zusage ist da, die Flüge müssen gebucht werden aber man hat keine Garantie, dass die Kurse die man besuchen möchte, zustande kommen und ob man es dann rechtzeitig schafft, sich in den entsprechenden Kurs einzutragen. Also sollte man sich zur Sicherheit mehrere passende Kurse raussuchen und vorweg schon mit dem Studiengangsleiter bzw. Dekan absprechen, welche Kurse perfekt passen und welche Ausweichkurse man alternativ noch wählen kann. Nach einigem hin und her habe ich es dann doch geschafft mich in die Kurse einzutragen, die zum Studienverlauf meines Schwerpunktes Organisationspsychologie gepasst haben.

Empfohlen wird meist ein maximales Kurspensum von 5 Kursen pro Woche. Ich hätte im regulären Semester in Berlin 5 Kurse belegt, aufgrund der verschiedenen Anzahl von Credits (amerikanische/kanadische Credits sind im Normalfall doppelt so viel wert wie die deutschen, ein Kurs in Kanada mit 3 Creditpoints zählt in Deutschland also i.d.R. 6 ECTS) habe ich im Ausland 4 unirelevante Kurse belegt die dann auf 3 Kurse zuhause „umgerechnet“ wurden. Als fünften Kurs habe ich aus eigenem Interesse noch einen Poetrykurs belegt, der mir nicht angerechnet wurde; ich wollte einfach die Vielfalt des kanadischen Unisystems ausnutzen, in dem von Fishfarming über Pottery alles Mögliche angeboten wurde. Im Endeffekt war ich in die Kurse Anthropology, Organizational Behavior, Human Resource Management, Environmental Psychologie und den Intermediate Poetry Workshop eingeschrieben.

… wo schlaf ich eigentlich?

Bei der Suche nach einer Unterkunft gibt es zahlreiche Herangehensweisen, man kann in den Residences auf dem Campus wohnen (oft in geteilten Zimmern), dazu gibt es um die Uni herum einige, leider recht kostspielige Studentenunterkünfte. Dazu vermittelt die Uni zu Gastfamilien und in den Peerstay. In Gastfamilien zahlt man für Miete und Verpflegung, oft wird man von den Gasteltern bei den Mahlzeiten eingeplant und man nimmt aktiv am Familienleben teil. Der Peerstay gestaltet sich ähnlich, auch hier wohnt man in einer Gastfamilie, ist jedoch weniger eingebunden bzw. selbstständiger. Ich habe mir vorweg eine kanadische WG über Craigslist gesucht, habe mit meinen Mitbewohnern geskypt, um sie etwas besser als nur via Mail kennen zu lernen und bin letzendlich mit zwei Kanadiern am Hafen zusammengezogen. Craigslist und Kijiji sind häufig genutzte Websites in Nordamerika und hier wohl mit einer ausgearbeitete Version von Ebay-Kleinanzeigen zu vergleichen, es sind also immer Privatanzeigen und man sollte mit einer gewissen Vorsicht an die Angebote gehen. Viele meiner Freunde haben sich in den ersten Wochen einfach in ein Hostel eingemietet und haben sich dann vor Ort nach Zimmern umgesehen, wenn ich es nochmal planen könnte, würde ich es genauso machen. Einige haben auch mit den Managern der Hostels reduzierte Preise ausgehandelt und sind das komplette Semester im Hostel geblieben.

Unialltag an der VIU

Die Kurse werden in verschiedenen Stundenplankonstellationen angeboten, man kann sich also je nach Verfügbarkeit der Kapazitäten in die Kurse einwählen die einem zeitlich am besten passen.Ich habe meine Kurse bewusst früh gelegt, sodass ich viermal die Woche um 8.30 Uhr Uni hatte und dafür freitags nicht in die Uni musste. Das Public Transit System in Nanaimo ist sehr gewöhnungsbedürftig,  der Abfahrtsplan dient den Busfahrern eher nur zur vagen Orientierung – die Busse fahren gerne mal 10min zu früh ab oder kommen gar nicht an der entsprechenden Haltestelle vorbei. Morgens läuft es immer einigermaßen nach Plan, je später es wird desto schwieriger wird es von A nach B zu kommen.

Viele Dozenten pflegen eine Anwesenheitsliste, an denen sich auch die mündlichen Noten orientieren. Das Unisystem ist sehr schulisch aufgebaut und jeder Dozent legt das Zustandekommen der Noten selber fest. Das gilt auch für den Ablauf der Examen: ausschließlich Multiple Choice oder freie Fragen bzw. ein Mix – das ist dem Dozenten überlassen. Auch das Prüfungssystem ist anders, es gibt zwar auch einen Haufen Prüfungen am Ende des Semesters, dazu kommen aber noch die Midterms, verschiedene Assignments, wöchentliche Tests und Essays. Die Dozenten sind sehr kreativ in der Aufgabenverteilung und es gibt eigentlich immer etwas für die Uni zu tun. Das System ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, allerdings bleibt man gezwungenermaßen immer am Ball und hat die Möglichkeit, das ganze Semester über an seinen Noten zu arbeiten, anstatt den gesamten Schnitt von einer Prüfung abhängig zu machen.

Die VIU ist allgemein eine vergleichsweise günstige Universität für nordamerikanische Standards (dennoch ist ein Semester an der VIU teurer als z.B. an der HS Fresenius). Der Hauptcampus der VIU liegt in Nanaimo, die Gebäude sind nach Fakultäten geordnet. Mit einem interdisziplinären Studiengang der mehrere Fakultäten beinhaltet bleibt man garantiert fit in Nanaimo – dank der hügeligen Landschaft läuft man täglich hunderte Treppenstufen von Gebäude zu Gebäude.

Studentenlifestyle in Nanaimo

Dank der langen Wochenenden und den vielen internationalen Studenten gab es viel Zeit zum Erkunden der Insel und dazu motivierte Reisebegleiter. Die kanadischen Studenten hatten am Wochenende oft andere Pläne bzw. haben gearbeitet, während die internationalen Studenten (besonders die, die nur ein Semester in Nanaimo verbracht haben) natürlich ein großzügigeres Budget und mehr Neugierde für die Natur und Kultur der Umgebung mitgebracht haben. Auslandsaufenthalte, die nur ein Semester dauern und die Möglichkeit so viel reisen zu können, scheinen sehr deutsche Phänomene zu sein, die meisten anderen Internationals haben mehrere Semester in Kanada bzw. ihr komplettes Studium in Kanada verbracht. Der Lebensunterhalt ist auf jeden Fall teurer als in Deutschland, man muss also deutlich mehr Geld für Essen etc. einplanen, außerdem gibt es eine stärker ausgeprägte Restaurantkultur; das Geld schmilzt, auch wenn man nicht auf Reisen ist. Dank Unterstützung von Stipendien wie z.B. von Promos lässt sich das Auslandssemester auch trotz der hohen Kosten finanzieren.

Wer zuhause ein abwechslungsreiches Nachtleben gewöhnt ist, muss sich in Nanaimo ein wenig mehr anstrengen, um auf seine Kosten zu kommen. Die zwei/drei Clubs, die es gibt, machen um 2 Uhr nachts zu, die Bars haben ähnliche Zeiten. Musikalisch laufen die üblichen Clubhits. Am besten sucht man sich Freunde mit schönen Wohnungen/WGs oder weicht auf Campusparties und Hausparties aus. Wenn man in einer Gastfamilie wohnt ist es natürlich schwieriger, Leute am Wochenende zu einem einzuladen, das gleiche gilt für einen shared room auf dem Campus. Öffentliches Trinken ist in Kanada verboten, was die Möglichkeiten des Nachtlebens weiter einschränkt.

Reisen

Ohne Auto kommt man in Kanada leider nicht sehr weit. Das Bussystem verbindet Nanaimo mit den kleineren Orten in der Umgebung, dazu gibt es Reisebusse von z.B. Greyhound, die jedoch recht kostspielig sind. Per Anhalter zu reisen ist in British Columbia verboten. Meine Freunde und ich haben uns immer in Nanaimo ein Auto gemietet, wenn wir die Insel erkunden wollten oder sind mit der Fähre nach Vancouver und von dort aus losgefahren. Andere haben sich für die Zeit ein Auto gekauft oder sind über das Recreation program der Uni reisen gewesen – das VIU recreation program bietet zahlreiche Ausflüge in der Umgebung Nanaimos inkl. Ausrüstung und Fahrt an, u.a. Schnorcheln mit Robben, klettern, Höhlen erkunden, wandern… es gibt extrem viele sehr empfehlenswerte Angebote. Die Anmeldung dafür erfolgt immer am Anfang des Semesters. Sonst gibt es immer die Möglichkeit, recht spontan noch über die Wartelisten mitzukommen.

Abschluss

Nach den Hauptprüfungen im Dezember haben wir uns von Vanocuver Island verabschiedet und sind zum Ski fahren nach Whistler gereist – eine verdiente Belohnung für die stressige Prüfungszeit und der perfekte Ausklang einer wunderschönen Zeit in Kanada.

Kontakt: Antonie-Schmelzeisen@gmx.de; schreib mir einfach, wenn du Fragen hast. Das Copyright der Fotos liegt bei mir.