16.02.2016

„Langfristig werden Versuche, die Öffentlichkeit zu täuschen, aufgedeckt werden“

Beitrag der Redaktion

In einer globalisierten Wirtschaft sind die Lieferketten global operierender Unternehmen häufig lang und wenig transparent. Dennoch muss es das Ziel der Supply-Chain-Manager sein, auch hier das Prinzip der Nachhaltigkeit zu verankern, findet Prof. Dr. Mahammad Mahammadzadeh, Dozent für Nachhaltige Unternehmensführung an der Hochschule Fresenius Köln. Im Interview erklärt er, welche Maßnahmen sie ergreifen sollten – und warum Lippenbekenntnisse nicht ausreichen.

 

Die Lieferketten global agierender Unternehmen sind lang und komplex: Der Rohstoff für ein Produkt wird in Land A beim Lieferanten B beschafft, die Fertigung wird in Land C über den Dienstleister D abgewickelt und der Abverkauf des Produkts findet vorwiegend in Land E statt, wo das produzierende Unternehmen auch beheimatet ist. Vor welchen Herausforderungen steht das Supply-Chain-Management in einer globalisierten Wirtschaft?

Die Komplexität der Lieferketten zeigt sich nicht nur anhand transnationaler Beispiele, sondern bereits innerhalb eines Bezugs- oder Lieferlandes. In den Beschaffungs- und Herstellungsprozess sind hier nicht selten zahlreiche Unternehmen und Subunternehmen auf verschiedene Art und Weise involviert. Identifikation und Kontrolle aller Beteiligten sind dabei insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht immer möglich.

Grundsätzlich gilt: Mit zunehmender Anzahl der Beteiligten, Intensität ihrer Beziehungen untereinander sowie ihrer personellen, familiären, rechtlichen und kapitalmäßigen Verflechtungen nimmt auch die Komplexität der Supply-Chains zu. Und derart komplexe Ketten finden wir in einer globalisierten Wirtschaft natürlich immer häufiger.

Das Problem ist nun: In Bezug auf ökologische und soziale Standards fehlen im internationalen Raum – das gilt vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer – leider bislang die gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen, die Unternehmen hier Orientierung geben könnten. Entsprechende Qualitätsanforderungen in diesem Bereich zu formulieren und schließlich auch einzuhalten, zählt deswegen derzeit wohl zu den größten Herausforderungen für die Supply-Chain-Manager global agierender Unternehmen. Die instabilen und wenig transparenten Verhältnisse, die in vielen Lieferländern vorzufinden sind, machen ihnen die Arbeit nicht unbedingt leichter.

 

Trotz dieser Schwierigkeiten setzen sich viele Unternehmen mit der Integration sozial-ökologischer Aspekte in ihre globalen Lieferketten auseinander. Das zeigt eine Befragung aus dem Jahr 2014, auf die Sie sich in einer aktuellen Publikation beziehen. Warum messen Unternehmen dem Thema einen so hohen Stellenwert bei?

Die Orientierung an Nachhaltigkeitsaspekten bei den betrieblichen Entscheidungen und Handlungen ist nicht ganz einfach zu erklären. Die Motive dahinter sind vielfältig, wie ich in meiner Publikation zeigen konnte. Neben unternehmensinternen Motiven spielen vor allem politisch-rechtliche, gesellschaftliche und marktbezogene Einflussfaktoren eine große Rolle. Und hier sind es vor allem entsprechende Stakeholder, die Druck ausüben.

Die kritische Berichterstattung von Medien und Nichtregierungsorganisationen hat nämlich Politiker, Konsumenten und auch Arbeitnehmer sensibler gemacht – gerade wenn es um die Missachtung und Verletzung sozial-ökologischer Mindeststandards in den Billiglohnländern geht. Oft greifen NGOs und kritische Medien hier zu recht die miserablen Umwelt- und Arbeitsbedingungen auf und erzeugen bei den Unternehmen eine „sozial-ökologische Betroffenheit“, die zumeist negative PR und einen Imageverlust zur Folge hat. Damit ist später auch eine „ökonomische Betroffenheit“ – zum Beispiel in Form von Kunden- und Umsatzverlusten, Gewinneinbußen oder Wettbewerbsachteile – verbunden.

Die Ergebnisse der in meinem Aufsatz zusammengefassten Unternehmensbefragungen zeigen: die Image- und Reputationsverbesserung und die Kundenanforderungen werden als wichtigste Motive bei der Einbeziehung sozial-ökologischer Aspekte in die Lieferketten angesehen. Der Druck, den die Unternehmen von gewissen Stakeholdern zu spüren bekommen, bewirkt also etwas. Aus Sicht vieler NGOs und kritischer Medien ist diese Wirkung allerdings noch zu schwach.

 

Nun drängen die Stakeholder zwar auf die Einhaltung dieser sozial-ökologischen Standards. Doch die meisten Stakeholder – wie zum Beispiel Kunden oder Lieferanten – haben keine Möglichkeit, zu überprüfen, ob diese Standards auch wirklich umgesetzt werden, ob das Prinzip Nachhaltigkeit in einem Unternehmen tatsächlich verankert ist. Stattdessen sind sie häufig der Unternehmenskommunikation ausgeliefert – und dort wird hin und wieder auch mal ein wenig geschönt. Man denke an die öffentlichkeitswirksame Ernennung eines Nachhaltigkeitsbeauftragten, der am Ende im Unternehmen nicht mehr ist als ein Frühstücksdirektor. Glauben Sie, dass derartige Versuche, sich eine Fassade aufzubauen, auf mittlere oder lange Sicht scheitern?

Ich glaube, dass derartige Versuche, die Öffentlichkeit zu täuschen und „Greenwashing“ zu betreiben, vielleicht kurzfristig unerkannt bleiben. Langfristig aber werden sie aufgedeckt, was dann wiederum zum Verlust der rechtlichen und gesellschaftlichen Legalität und Legitimation führt und am Ende zur schon angesprochenen „ökonomischen Betroffenheit“. Dieses Risiko sollten Unternehmen nicht eingehen.

Stattdessen sollte man Nachhaltigkeit primär als ein normatives Postulat erkennen und es langfristig in das Leitbild integrieren. Auf einzel- und gesamtwirtschaftlicher Ebene bedeutet das: Man fokussiert auf eine langfristige und kontinuierliche Verbesserung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Prozesse und berücksichtigt diese Aspekte bei Entscheidungen und Handlungen. Die wirksame Implementierung der Nachhaltigkeit in Unternehmen setzt gewissermaßen eine adäquate Anpassung oder gar Neuorientierung der Unternehmensphilosophie voraus. Es muss also an den langfristigen und grundsätzlichen Elementen der Unternehmenspolitik angesetzt werden, kurzfristige oder kosmetische Maßnahmen helfen hier nicht weiter.

Die organisatorische Verankerung der Nachhaltigkeit durch die Ernennung eines Nachhaltigkeitsbeauftragten ist deshalb auch prinzipiell sinnvoll. Um die von Ihnen genannte Gefahr des „Frühstücksdirektors“ zu vermeiden, soll auch in diesem Kontext das „organisationsrelevante Kongruenzprinzip“ erfüllt sein. Das bedeutet, bezogen auf den Nachhaltigkeitsbeauftragten muss eine Übereinstimmung zwischen Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung zu erkennen sein.

 

Was ist Ihr Eindruck, wie steht es derzeit um die soziale und ökologische Nachhaltigkeit in global agierenden Unternehmen?

Aus meiner Sicht verlangt das komplexe Thema „Nachhaltigkeit und Unternehmen“ eine etwas differenziertere Betrachtung. Meine Erfahrungen zeigen, dass bei vielen Unternehmen, die auch als nachhaltig eingestuft werden könnten, primär jene ökologischen und sozialen Themen auf der Agenda stehen, die einen starken Ökonomiebezug aufweisen. Es geht um Energieeinsparungen, Ressourceneffizienz, Wasserverbrauchsreduktion, Arbeitsschutz oder die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern.

Darüber hinaus werden Themen mit explizitem ökologischem und sozialem Bezug, wie etwa Biodiversität, Menschenrechte, Vermeidung von Kinderarbeit leider oft vergessen. Viele Unternehmen fühlen sich von diesen Nachhaltigkeitsaspekten nicht angesprochen, wie empirische Studien belegen. Dabei sind es genau jene Aspekte, die zeigen, dass Nachhaltigkeit als ein globales Leitbild erfasst werden sollte. Die Erfüllung der ökologisch-sozialen Belange innerhalb der nationalen Grenzen von Industrieländern mit entsprechenden Rechtsordnungen und Kontrollmechanismen reicht heute nicht mehr aus, um ein Land oder ein Unternehmen als „nachhaltig“ einzustufen. Hier muss an die sozial-ökologische Verantwortung aller politischen, marktlichen und gesellschaftlichen Akteure auf globaler Ebene appelliert werden.

 

Was fordern Sie also? Über welche Maßnahmen kann die Implementierung von Nachhaltigkeit gelingen?

In diesem Kontext stellt sich zunächst die Frage, ob die international agierenden und öffentlich exponierten Unternehmen ihrer globalen und ethischen Verantwortung bewusst sind. Und darüber hinaus: Sind sie auch in der Lage, ökologische und soziale Anforderungen entlang ihrer Wertschöpfungsketten zu erfüllen?

Wie gesagt, die Umsetzung dieser Anforderungen ist keine einfache Aufgabe. Daran sind schon einige Unternehmen gescheitert, andere aber hatten Erfolg. In den meisten Fällen kam dieser Erfolg mit Hilfe eines Sets verschiedener Maßnahmen zustande. Das Spektrum dabei ist breit und reicht von klassischer Lieferantenbewertung und Lieferantenqualifikation über regelmäßige und unangemeldete Kontrolle der Partnerunternehmen vor Ort. Auch die Zertifizierung von Lieferanten bis hin zur schriftlichen Fixierung von Nachhaltigkeitsanforderungen und vertraglichen Verpflichtungen sind Möglichkeiten. Werden diese Vereinbarungen von Lieferanten verletzt, sollten Sanktionsmechanismen zur Anwendung kommen und ein Lieferantenwechsel sollte in Betracht gezogen werden.

Die Global Player, die in Sachen Nachhaltigkeit am stärksten unter Druck stehen, haben die Macht dazu, diese Maßnahmen umzusetzen. Wenn man sie dazu bewegt, ihre Macht zu nutzen, ist es möglich, in der Sache der globalen Nachhaltigkeit einen guten Schritt voranzukommen.

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