Später gestartet, aber nicht auf der Strecke geblieben

In Deutschland wächst die Zahl der Schulabgänger mit Hochschulreife seit Jahren an. Nach dem Schulabschluss gibt es für die meisten von ihnen nur zwei Optionen: Ausbildung oder Studium. Rund zwei Drittel entscheiden sich schließlich für das Studium. Die Übrigen machen diesen Schritt häufig später: Sie nehmen erst nach einigen Jahren Arbeitserfahrung ein berufsbegleitendes Studium auf – und machen sich dadurch für Arbeitgeber durchaus attraktiv, wie eine Studie der Hochschule Fresenius zeigt.

Rund eine halbe Million Schüler in Deutschland haben im Jahr 2012 eine Hochschulzugangsberechtigung erhalten. Die Mehrheit von ihnen – man geht von rund zwei Dritteln aus – hat inzwischen ein Studium an einer Hochschule aufgenommen. Für sie ist es trotz der Anstrengungen, die damit unzweifelhaft verbunden sind, der sinnvollste nächste Schritt.

Doch unter den Schulabsolventen finden sich auch Andersdenkende. Sie glauben, dass es wichtig ist, zunächst einmal berufliche Erfahrung zu sammeln und sich im Arbeitsleben auszuprobieren. Ein Studium könne man ja auch noch später beginnen, ist von ihnen zu hören. Aufgeschoben ist dabei tatsächlich selten aufgehoben: Statistiken zeigen, dass sich immer mehr Personen nach einigen Jahren im Arbeitsleben noch für ein Studium entscheiden. Einige kündigen dabei den Job und beginnen ein Vollzeit-Studium, die meisten jedoch wollen ihren Arbeitsplatz behalten und wählen deshalb die Option „berufsbegleitendes Studium“.

VIELE INTERESSENTEN FÜR BERUFSBEGLEITENDE STUDIENANGEBOTE FÜRCHTEN IM WETTBEWERB MIT VOLLZEIT-ABSOLVENTEN ZU UNTERLIEGEN

Das kann auch Milan Klesper, Betreiber des Internetportals studieren-berufsbegleitend.de, bestätigen: „Die Nachfrage nach berufsbegleitenden Weiterbildungsmöglichkeiten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen.“ Sein Portal erfreut sich daher steigender Nutzerzahlen. Doch nicht alle dieser Nutzer sind vollends überzeugt von der berufsbegleitenden Alternative: „Für die Berufstätigen ist ein Studium neben der Arbeit natürlich mit einigem Aufwand verbunden. Deshalb fragen viele bei uns nach, ob sich dieser Aufwand auch lohnt und ob sich nach dem Abschluss die Karrierechancen erhöhen“, berichtet Klesper. Dabei bereite den Interessenten vor allem Sorge, dass man im Vergleich mit gewöhnlichen Studienabgängern den Kürzeren ziehen könnte. Das sei aber nicht so, weiß Klesper aus zahlreichen Erfahrungsberichten. Auf die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung konnte er sich bei dieser Behauptung bislang allerdings nicht stützen.

Deshalb kam ihm die Idee, eine eigene Studie zum Thema durchzuführen. Seine Beziehungen zur HS Fresenius Köln – Klesper hat dort den Studiengang Medienwirtschaft absolviert – halfen ihm dabei, fähiges Personal für diese Aufgabe zu finden. Barbara Lier und Timo Förster, wissenschaftliche Mitarbeiter am Standort Köln, erklärten sich schließlich bereit, die Umfrage im Rahmen eines Projektstudiums durchzuführen.

DIE ERGEBNISSE ZEIGEN: PERSONALVERANTWORTLICHE HABEN KEINE PRÄFERENZ

Zusammen mit fünf Studierenden befragten die beiden Wissenschaftler insgesamt rund 100 Personalverantwortliche. Nach der Auswertung der Daten war klar: Klesper hatte richtig gelegen. Denn über zwei Drittel der Personalverantwortlichen machen keinen Unterschied zwischen den Absolventen eines Vollzeit-Studiums und denen, die ihr Studium neben der Arbeit abgelegt haben. 17 Prozent geben gar an, „Bewerber mit einem abgeschlossenen berufsbegleitenden Studium zu bevorzugen“, heißt es im Untersuchungsbericht, der im Journal of Business and Media Psychology veröffentlicht wurde. Darin ist auch zu lesen, warum das so ist: Die betroffenen Personalverantwortlichen trauen den Absolventen eines berufsbegleitenden Studiums eher zu, eigenverantwortlich und selbstständig zu arbeiten.

Teilweise hätten die Absolventen aufgrund ihrer Berufserfahrung eben leichte Vorteile, glaubt auch Milan Klesper. Das sei für die Vollzeit-Studierenden aber kein Grund, schwarz zu malen: „Durch Praktika oder Werkstudentenjobs können diese Defizite wieder ausgeglichen werden, das wird jeder Personaler bestätigen.“ Diese würden eben vor allem Wert auf eine gute Mischung legen: „Praxiserfahrung und theoretisches Wissen – beides ist sehr wichtig!“

DAS KONZEPT DES „LEBENSLANGEN LERNENS“ FINDET IMMER MEHR AKZEPTANZ – GUT FÜR DIE ANBIETER BERUFSBEGLEITENDER STUDIENGÄNGE

Die Zukunft der berufsbegleitenden Studiengänge sieht Klesper deswegen auch wenig gefährdet – im Gegenteil: „Die Nachfrage wird weiter steigen, weil sich auch immer mehr ältere Arbeitnehmer für ein Studium neben dem Beruf entscheiden.“ Dies sei Folge einer immer größeren gesellschaftlichen Zustimmung zum Konzept des „Lebenslangen Lernens“.

Selbst wenn also die Zahl der Absolventen, die nach dem Schulende eine Hochschullaufbahn einschlagen, steigen sollte: aufgrund des demografischen Wandels und des gestiegenen Weiterbildungsbedürfnisses in allen Altersgruppen dürften die Anbieter berufsbegleitender Bildung durchaus positiv in die Zukunft blicken.