Was macht ein Umweltmanager?

Das Thema Nachhaltigkeit ist sehr komplex. Von der Reduktion des Reifenabriebs und weniger Ausstoß von CO2 durch Elektrofahrzeuge bis hin zur Vermeidung von Plastik: Mittel und Wege, nachhaltiger zu leben gibt es viele, doch wenn die Big Player nicht mitziehen, wird es schwierig. Gut ist daher, dass auch Unternehmen sich zusehends bemühen, nachhaltiger zu werden. Hier kommen sogenannte Umweltmanager:innen ins Spiel. Doch was genau sind eigentlich ihre Aufgaben? Stephan Haubold, Dozent im Bachelorstudiengang Umweltmanagement (B.Sc.) klärt im Interview auf.

Portrait von Prof. Dr. Stephan Haubold
Prof. Dr. Stephan Haubold

Am 21. Juni 2022 gab es einen Infotermin, wo Sie darauf eingegangen sind, was Umweltmanager:innen machen. Sie haben die angehenden Expert:innen als Bienenflüsterer und Klimaretter bezeichnet. Wird das auch die Arbeit sein, der Umweltmanager:innen nachgehen?

Es gibt zwei Arten von Umweltmanagern: Die, die eher in die technische Richtung gehen, beschäftigen sich später mit Abfall- und Energiemanagement in Unternehmen. Und es gibt diejenigen, die etwas ökonomischer arbeiten, die sogenannten Sustainability-Beauftragten. Die beschäftigen sich breitgefasster mit dem Umweltmanagement in Unternehmen, in dem sie beispielsweise Ökobilanzen aufstellen. Das können Bilanzen von Produkten, aber auch von ganzen Unternehmen sein.

Von fast jedem Unternehmen werden Sustainability-Manager gerade gesucht – kann jeder nachschauen, der sich auf Jobportalen mal umschaut. Und ich glaube, das wird noch mehr.

Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Gerade junge Leute achten auch darauf, wo sie am Ende landen und für welche Werte ein Unternehmen einsteht.

Genau! Und wenn ich da noch ergänzen darf: Nachhaltigkeit ist eben auch nicht mehr nur ein Hygienefaktor für die Human Resources, weil man Personal anwerben will. Es ist tatsächlich so, dass der Gesetzgeber verlangt, dass man nachhaltig wird. Bloß wissen viele Firmen nicht, was Nachhaltigkeit bedeutet. Viele denken, dass sie nur ihren CO2-Verbrauch reduzieren müssen. Das ist zwar ein Teil davon, aber dazu gehört noch so viel mehr. Alle Unternehmen wollen mitmachen und nachhaltiger werden, sie wissen aber nicht, wie. Und genau deshalb brauchen sie die Umweltmanager.

Und im Studiengang Umweltmanagement bereiten Sie die jungen Leute auf diese wichtige Aufgabe vor?

Ja. Wir bilden Umweltmanager aus, die in einer Hälfte des Studiums lernen, wie man einen Betrieb leitet und verwaltet. Das ist so die betriebswirtschaftliche Seite und dann gibt es noch die naturwissenschaftliche Seite, die sich auch mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Man muss eben verstehen, was Klimawandel und planetare Grenzen überhaupt bedeuten und was Nachhaltigkeit im großen Ganzen ist. Aktuell ist dieses Wissen in Unternehmen einfach nicht da. Die Manager wissen, wie sie ihr Geschäft führen und das auch sehr gut und erfolgreich. Sie wissen vielleicht auch, dass sie nachhaltiger werden müssen, aber die meisten wissen nicht, was ihr Unternehmen eigentlich für einen Impact hat. Es ist halt eine Riesenbewegung – alle wollen’s machen, alle wollen’s werden, aber wir haben auch eine große Unsicherheit darin, wie man das macht und was es am Ende bedeutet.

Müssten dann nicht auch erstmal die Unternehmen geschult werden? Oder stellen die Unternehmen genau dafür die Umweltmanager:innen ein, die wir grade ausbilden?

Beides. Viele Unternehmen können leider nicht mehr warten, bis wir die Umweltmanager fertig ausgebildet haben. Ich sage leider, weil uns als Bürger das ganze ja unmittelbar betrifft. Rekordtrockenheit, die höchsten Meeresstände seit Aufzeichnung und vieles mehr ist direkt spürbar. Die Unternehmen müssen deshalb jetzt handeln und können nicht warten. Sie müssen jetzt erste Schritte gehen und sich dann langfristig von Umweltmanagern betreuen lassen.

Was müssen Unternehmen also tun?

Um das mal plastischer zu machen: Das, was Deutschland sich an CO2 „erlauben“ kann, sind etwa 80 Millionen Tonnen pro Jahr. Das, was wir tatsächlich freisetzen ist ungefähr das Zehnfache! Nachhaltig wäre, dass nur so viel emittiert wird, wie wir auch wieder kompensieren können – beispielsweise durch Wald.

Person sammelt Plastikflaschen aus Wasser.
© encierro/stock.adobe.com

Genau deshalb sind die Bewegungen gerade so dramatisch. Der Gesetzgeber tut viel, von der EU kommen zahlreiche Bestimmungen und aus der Öffentlichkeit entsteht Druck, Stichwort: Kampf um die besten Talente und ich muss zeigen, dass ich ein nachhaltiges Unternehmen bin. Am Ende ist es aber nicht nur das, sondern auch: Nicht nachhaltig sein, kostet richtig Geld und vielleicht sogar die Existenz. Nachhaltigkeit stellt bestehende Geschäftsmodelle in Frage. Ganze Industrien, an die wir uns sehr gewöhnt haben, sind in Gefahr. Das wird auch den Industrien bewusst, aber irgendwie fällt denen das jetzt erst ein. Das ist ein bisschen wie Weihnachten, das jedes Jahr plötzlich vor der Tür steht und man hat wieder die Geschenke nicht rechtzeitig gekauft. Und das obwohl das ganze Klimawandelproblem schon seit knapp 50 Jahren bekannt ist.

Ok, und jetzt ganz konkret: Was würden Umweltmanager:innen im Unternehmen tun? In der Chemiebranche als Beispiel.

Eine der allerersten Aufgaben wäre es, zu schauen, was die Umweltziele des Unternehmens sind. Gibt es diese überhaupt und was tut ein Unternehmen ganz konkret? Dazu gehört auch viel Aufklärungsarbeit nach innen, um zu verdeutlichen, welchen Fußabdruck die Branche hat und wie viel davon dem jeweiligen Unternehmen zugeordnet werden kann. Das wissen viele nämlich in Summe gar nicht. Umweltmanager müssten dann auch intern erklären, was Nachhaltigkeit ist und was es mit diesem Fußabdruck auf sich hat.

Als zweites wären Analysen sehr wichtig. Die Umweltmanager gucken dann, wo das Unternehmen ganz konkret Emissionen hat, welche Emissionen indirekt erzeugt werden, indem Dinge eingekauft werden. Oder werden Emissionen ausgelöst, weil Produkte verkauft werden? Zu dem ökologischen Fußabdruck eines Unternehmens gehört also nicht nur das, was direkt durch Produktion und Herstellung anfällt, sondern auch alles, was dazu gehört, ein Produkt auf den Markt zu bringen. Und das machen sich viele gar nicht bewusst.

Der Umweltmanager überprüft daher auch Lieferketten und schaut, ob man da etwas besser machen kann. Als Beispiel: Wie nachhaltig sind unsere Liefer- und Produktionsketten? Haben wir irgendwo Kinderarbeit oder dreckige Unternehmen, die ihre Emissionen nicht filtern, sondern einfach so in die Umwelt ablassen. Und am Ende macht der Umweltmanager die sogenannte Stoffbilanz: Was geht rein und was kommt raus? Schlussendlich macht der Umweltmanager erstmal transparent, welche Umweltbelastung ein Unternehmen tatsächlich auslöst. Und erst, wenn das schwarz auf weiß einmal festgehalten wurde, kann man auch was dagegen tun.

Heißt das, dass viele Unternehmen derzeit ins Blaue hinein optimieren, ohne zu wissen, ob das überhaupt der richtige Weg ist?

Auch. Viele Unternehmen zählen am Ende des Jahres nur ihr Geld und wenn mehr reingekommen ist als ausgegeben wurde, ist das gut. Die Umwelt spielt da nur eine untergeordnete Rolle. Liegt aber auch daran, dass die Unternehmen ihre Umweltbelastung derzeit nicht bezahlen müssen. Das wird aber kommen. Und genau deshalb brauchen sie die Umweltmanager, um am Ende nicht nur ihren wirtschaftlichen Output messen zu können, sondern auch ihre Auswirkung auf die Umwelt. Und erst dann kann man handfeste Maßnahmen ergreifen.

Smartphones vor Recyclingtonne
© phoenix021/stock.adobe.com

Und deshalb werden Umweltamanager:innen am Ende zu Klimarettern und Bienenflüsterern? Um nochmal die Eventbeschreibung aufzugreifen.

Die Biene ist da einfach das Symbol für Biodiversität und wenn wir nicht anfangen, jedes einzelne Unternehmen auch daran zu messen, was sie für einen Fußabdruck im Umweltsystem zu hinterlassen, können wir nicht die Veränderungen einläuten, die wir am Ende brauchen, um die Biene vor dem Aussterben zu retten. Die Biene steht am Ende für uns alle.

Der allererste Schritt ist daher: wissen, welche Wirkung wir haben. Umweltmanager machen genau das sichtbar und leiten dann die notwendigen Maßnahmen ein.

Am besten wäre es dann, wenn alle Unternehmen klimaneutral handeln würden?

Das geht tatsächlich gar nicht. Es wird nie eine Nullwirkung geben. Wir werden immer eine Infrastruktur brauchen und die hat immer eine Wirkung auf die Umwelt. Aber diese Wirkung sollte so klein wie möglich sein, damit wir das insgesamt noch kompensieren können und der Welt nicht mehr wegnehmen als wir zurückgeben können. Wir müssen CO2 sowohl einsparen als auch kompensieren, um am Ende uns und den Unternehmen nicht zu schaden. Umweltmanager müssen verstehen, dass null Emissionen physikalisch nicht möglich sind. Wie Mitarbeitende zur Arbeit kommen, muss da übrigens auch miteingerechnet werden.

Das klingt als würden wir da in Zukunft noch viel von hören und erleben. Ich bin sehr gespannt, wie es beim Umweltmanagement weitergeht. Und sicherlich können wir alle etwas für die Umwelt tun, oder?

Ja, das können wir auf jeden Fall. Wir müssen erkennen, dass Wachstum nicht mehr die wichtigste Kennzahl sein kann. Und jeder kann anfangen. Mal als Beispiel: Wenn jeder sein Handy sieben Jahre statt 2,5 Jahre – was aktuell bei uns der Schnitt ist – benutzen würde, würden wir 3,6 Millionen Tonnen COo2 Emissionen sparen. Pro Jahr. Allein in Deutschland. Wir müssen aber alle mitmachen und vor allem weniger konsumieren. Privatpersonen und Unternehmen.

Vielen Dank für das spannende Gespräch! Umweltmanagement scheint ein sehr abwechslungsreiches Arbeitsumfeld zu sein.

Sehr gerne und das ist es definitiv!

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