29.09.2021

Von sexueller Belästigung bis zur sexualisierten Gewalt – Studienprojekte beschäftigen sich mit ernsten Themen

Beitrag von Janina Raeder

© ryanking999/stock.adobe.com

In den letzten Jahren wurden Themen wie Catcalling und sexuelle Belästigung immer häufiger medial aufbereitet. Trotzdem wird das Ausmaß der Problematik in der Gesellschaft oft nicht gesehen oder von manchen Personen sogar heruntergespielt – vielleicht haben Sie diese Erfahrung auch schon gemacht. Deshalb beschäftigten sich mehrere Studentinnen der Hochschule Fresenius und der AMD Akademie Mode & Design mit diesem Thema und arbeiteten es in Studienprojekten auf unterschiedliche Weisen auf. Drei der Projekte aus den Studiengängen Soziale Arbeit (B.A.) aus Frankfurt und München sowie Marken- und Kommunikationsdesign (mit Praktikum) (B.A.) aus Düsseldorf haben einiges gemeinsam.

Vom Social Media-Kanal zum Podcast

Die drei Studienprojekte über sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt könnten in ihrer Umsetzung nicht unterschiedlicher sein. Und doch verfolgen sie alle das gleiche Ziel: Sie wollen Awareness für dieses wichtige Thema schaffen. Die Studentinnen bedienten sich hierfür verschiedener Methoden und Kanäle.

Im Zuge des Symposiums „Gemeinsam Worte finden – Sexualisierte Gewalt als Thema der Sozialen Arbeit“ stellten Studentin Leonie Gottsche und ihre Mitstreiterinnen einen Podcast vor. Für ihr Studienprojekt nahmen die vier Studentinnen aus München drei Folgen eines eigens kreierten Podcasts auf und diskutierten dort unter anderem das Thema, wo sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt überhaupt anfängt und wie viele Frauen davon betroffen sind. „Wir wollten etwas schaffen, das für immer da ist und auch bleibt, deshalb haben wir uns für das Medium Podcast entschieden“, erklärt Leonie Gottsche. Sie wollten Aufklärung leisten und einen Einstieg in das Thema bieten.

Titelbild Podcast "Schweigen brechen"
Titelbild des Podcasts "Schweigen brechen"

Unter Catcalling versteht man übrigens verbale, sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum wie beispielsweise anzügliche Sprüche, die hinterhergerufen werden oder auch Pfeifen.

„Den Podcast aufzunehmen, war schon schwierig, weil auch persönliche Geschichten erzählt wurden. Bei der Aufnahme war es aber wichtig, dass wir den Humor nicht verlieren, sondern danach auch noch zusammen was anderes machen. So haben wir eine Abgrenzung geschaffen“, berichtet Gottsche und meint, dass das Medium für sie genau das richtige gewesen sei, da man beispielsweise für Social Media ein dickes Fell bräuchte.

Für einen Instagram-Kanal entschieden sich Anna Fröse von der AMD und Samira Brülls von der Hochschule Fresenius. Während sich die Marken- und Kommunikationsdesignerin Anna Fröse in ihrer Abschlussarbeit hauptsächlich dem Catcalling widmete, erarbeitete Samira Brülls, Studentin der Sozialen Arbeit (B.Sc.) in Frankfurt, Statistiken durch eigene Umfragen zum Thema sexuelle Belästigung. So wird durch beide Projekte zum einen durch ausdrucksstarke Bilder und zum anderen durch Zahlen und Fakten sichtbar, wie stark Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen sind.

Instagram – ein schwieriges Medium

In den sozialen Netzwerken erreicht man vergleichsweise schnell viele Leute. Darunter sind aber auch einige, die gerade bei sensiblen Themen wie sexueller Belästigung negative Kommentare abgeben. Anna Fröse bestätigt: „Für Social Media braucht man bei dem Thema echt ein dickes Fell. Negative Kommentare kamen bei mir zum Glück nicht, aber auch die erhoffte große Aufmerksamkeit blieb aus. Das Thema liegt einfach noch zu sehr im Dunkeln. Das spiegelt die Bildsprache meines Projektes auch sehr gut wider.“

Instagram-Projekt: Call to fight
Instagram-Projekt: Call to fight

Die AMD-Alumna hat sich für ihr Abschlussprojekt dazu entschieden, Catcalling und die Auswirkungen auf Betroffene mit Ihrer Kampagne „Call to fight“ sichtbar zu machen. Sowohl das Video als auch die Bilder sind düster, bedrohlich und zeigen nicht nur unzensiert Beispiele für Catcalling, sondern auch die Angst und andere Probleme, die dadurch ausgelöst werden können.

Zahlen zur sexuellen Belästigung liefert Samira Brülls mit ihren Umfragen. „Als ich die Frauen ansprach, wollten die meisten eigentlich gar nicht an einer Befragung teilnehmen. Erst als sie das Thema erfuhren, machten viele doch mit. Das zeigt auch, wie wichtig das Ganze eigentlich ist und dass die Betroffenen ein Sprachrohr dafür suchen“, berichtet die Studentin. Die Ergebnisse ihrer Umfragen sowie Hilfsangebote und anonymisierte persönliche Erlebnisse postet sie auf dem Instagram-Kanal „Wir Frauen in Frankfurt“. Negative Kommentare seien bei ihr nur von Männern gekommen, die meinten, ihre Seite sei männerfeindlich. „Dabei geht es darum doch gar nicht. Es ging mir darum, sichtbar zu machen, wie viele Frauen von sexueller Belästigung betroffen sind und auf welche Weise“, erklärt Samira Brülls.

Was muss sich ändern?

Nach allen drei Projekten wurde ein ähnliches Fazit gezogen: Die Aufmerksamkeit für sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt ist noch viel zu niedrig. Das zeigt sich vor allem in den Kommentarspalten, in persönlichen Erfahrungen und auch in der Reichweitenentwicklung der Instagram-Projekte. „Ohne Influencer geht es nicht“, meint Anna Fröse, da das Thema leider nicht genug Aufmerksamkeit bekomme, um eine Art Selbstläufer zu sein.

Leonie Gottsche und ihr Team sehen auch die Gesellschaft in der Pflicht, mit sexueller Belästigung anders umzugehen. „Das wichtigste ist die Präventionsarbeit. Viele Betroffene wissen gar nicht, dass ein Catcaller Grenzen überschreitet, weil sie ihre eigenen Grenzen nicht kennen. Schon in der Schule sollte besser und regelmäßiger aufgeklärt werden. Und solange sexuelle Belästigung in der Gesellschaft nicht als Problem gesehen wird, braucht es Sozialarbeiter:innern mit Expertise“, so Leonie Gottsche.

Sie wünscht sich eine Sensibilisierung sowohl im Studium als auch im Privatleben und bei der Arbeit. Projekte wie von Anna Fröse und Samira Brülls tragen darüber hinaus dazu bei, die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. Die AMD-Absolventin ergänzt: „Wichtig ist, dass die Gesellschaft auch Catcalling ernst nimmt, denn sowas kann psychische Wunden aufreißen. Das ist den Catcallern meistens nicht bewusst, weshalb auch bei diesen Menschen Sensibilisierung stattfinden muss. Ein wichtiger Schritt wäre für mich, dass auch verbale sexuelle Belästigung strafbar wird. Dafür muss eben auch die Polizei geschult werden.“ Denn viel zu oft werden Betroffene immer noch nicht ernst genommen.

Wichtiger Teil von Call to fight: Die Folgen von Catcalling aufzeigen.
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