03.11.2020

„Nachhaltigkeit geht uns alle an“

Interview von Andreas Müller

Schon bevor Christina Kunkel ihr Masterstudium im Studiengang Digitales Management (M.A.) an der Hochschule Fresenius in Wiesbaden begann, engagierte sie sich für das Thema Nachhaltigkeit. Nun entwickelte sie aus der Recherche für eine Projektarbeit heraus die Idee für eine Kampagne, bei der die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen als Sprüche in hessischer Mundart auf 85.000 Bierdeckel gedruckt wurden. Was sie mit der Aktion bewirken möchte, wie sie sich auch politisch für Nachhaltigkeit einsetzt und warum für sie nachhaltiges Handeln mehr als die Umwelt umfasst, darüber spricht sie im Interview.

Sie haben eine Kampagne initiiert, bei der die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen in Spruchform im hessischen Dialekt auf Bierdeckel gedruckt wurden. Wie kamen Sie auf die Idee und was war dabei Ihre Intention?

Ich habe nach meinem Bachelorabschluss in Geschichte und Germanistik zunächst ein Praktikum bei der Bertelsmann Stiftung gemacht. Dort bin ich zum ersten Mal auf die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen gestoßen und fand sie derart spannend, dass ich mich auch später noch mit ihnen beschäftigt habe. Als ich dann mein Masterstudium im Studiengang Digitales Management (M.A.) an der Hochschule Fresenius begonnen habe, habe ich bei der Recherche für eine Projektarbeit eine ähnliche Aktion in Köln gefunden. Aus dieser entstand die Idee, die Nachhaltigkeitsziele als Sprüche in hessischer Mundart auf Bierdeckel zu drucken. Ich habe sie an meine Dozentin geschickt und das Projekt kam schnell ins Rollen.

Die Idee war, nicht nur ein größeres, sondern auch ein breiteres Bewusstsein dafür zu schaffen, was nachhaltiges Handeln eigentlich ist. In meinem Kopf geistert nämlich schon länger eine Zahl, die ich gelesen habe, herum: Nicht einmal jeder Zehnte hat schon einmal von den Nachhaltigkeitszielen gehört. Ich finde aber, dass alle sie kennen und die Möglichkeit haben sollten, einen Teil zu ihrer Verwirklichung beizutragen.

Wenn man in einem Lokal sitzt und einen Blick auf seinen Bierdeckel wirft, entdeckt man auf ihm meistens ein Logo oder Werbung für eine Brauerei. Passt ein Thema wie Nachhaltigkeit überhaupt zu einem Bier?

Nachhaltigkeit geht uns alle an und kann nur gemeinsam umgesetzt werden. Deshalb geht es bei der Kampagne auch darum, dass das Thema dort ankommt, wo die Menschen sind: In einem Lokal oder einer Bar sitzen die Leute gemeinsam an einem Tisch. Sie essen vielleicht etwas und trinken Wein oder ein Bier. Vielleicht spielen sie auch mit ihren Bierdeckeln herum, während sie ins Gespräch kommen, sich austauschen und so neue Ideen, wie man nachhaltiger handeln kann, entstehen können. Darüber hinaus ist die Atmosphäre ungezwungen – und da passt der Mundartaspekt sehr gut dazu. Denn die Bierdeckel bringen das Thema Nachhaltigkeit nicht auf eine abstrakte und abgehobene Weise zu den Menschen, sondern in einer Sprache, in der sie beispielsweise auch in ihrem Dorf miteinander sprechen, und mit einem Witz, der dem Thema nichts von seiner Ernsthaftigkeit nimmt, es aber fassbarer macht.

Wie sah der Weg von der Idee zur Kampagne aus? Und wie erfolgreich ist diese?

Wir haben im Projektteam die Idee an die Stadt Wiesbaden herangetragen. Dort war man so von ihr angetan, dass das Umweltamt sie gemeinsam mit uns und dem Entwicklungspolitischen Netzwerk Hessen umsetzen wollte. Dann ging alles sehr schnell: Wir haben uns im Februar getroffen. Schon im März ging eine Website online, auf der Menschen aus Hessen passende Sprüche in Mundart einreichen konnten. Anschließend wurde von einer Jury, die aus dem Projektteam und zwei Mundartexperten bestand, eine Auswahl für die Bierdeckel getroffen. Der Wiesbadener Oberbürgermeister wurde für das Jahr 2020 Schirmherr der Aktion und im September fand schließlich die Vorstellung bei der Industrie- und Handelskammer in Wiesbaden statt.

Mittlerweile sind 85.000 Bierdeckel gedruckt und viele an Lokale, aber auch an Privatpersonen verteilt. Drei meiner Mitstudierenden beschäftigen sich nun weiter mit dem Projekt und erarbeiten derzeit verschiedene Wege, um die Bierdeckel an noch mehr Menschen zu bringen.

Ob der Erhalt von Artenvielfalt und Ökosystemen, die Sicherung des Zugangs zu sauberem Wasser oder das Erreichen von Geschlechtergleichheit …
Ob der Erhalt von Artenvielfalt und Ökosystemen, die Sicherung des Zugangs zu sauberem Wasser oder das Erreichen von Geschlechtergleichheit …

Sie engagieren sich auch abseits der Kampagne für das Thema Nachhaltigkeit. In welchen Bereichen setzen Sie sich für diese ein?

Ich bin schon relativ lange in der Kinder- und Jugendarbeit in Eltville am Rhein aktiv, also in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Seit 2016 leite ich dort jeden Sommer ein Zeltlager mit etwa 60 Kindern, was mir wirklich großen Spaß macht.

Zudem versuche ich als stellvertretende Stadtverbandsvorsitzende der Eltviller CDU, das Thema Nachhaltigkeit kommunalpolitisch zu verankern. Ich habe mich zum Beispiel dafür eingesetzt, dass die Bewegung Fridays for Future nicht nur auf den Straßen bleibt, und habe der Stadt vorgeschlagen, zusammen mit dem Jugendzentrum ein konsultatives Gremium zu schaffen, das neben dem Kinder- und Jugendbeirat eine Art Think-Tank-Gremium bildet. Bei Your City for Future können nun Kinder und Jugendliche seit etwa einem Jahr ihre Ideen zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung und Themenbereichen wie zum Beispiel Mülltrennung oder öffentlichen Verkehrsmitteln vorlegen. Das funktioniert tatsächlich gut: Das Gremium trifft sich regelmäßig und liefert seine Ideen an den Kinder- und Jugendbeirat, der sie dann in die Stadtverwaltung hineinträgt.

Man merkt, dass Sie das Thema Nachhaltigkeit weiter fassen, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Auch die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen umfassen neben einer ökologischen auch eine ökonomische und soziale Dimension. Zudem könnte man die Kultur als weiteren Aspekt hinzunehmen. Die Dimensionen beeinflussen sich gegenseitig und es entsteht ein Zusammenspiel und Kreislauf. Deshalb muss die Wirtschaft auch die Umwelt, den Menschen und nicht zuletzt soziale Faktoren mitbedenken. Denn die Nachhaltigkeitsziele sind etwas, das wir nur gemeinsam erreichen können und bei dem die Größe des Geldbeutels keine große Hürde sein darf.

Wie passt Ihr Engagement für Nachhaltigkeit zu Ihrem Studium?

Es ist ein wenig abenteuerlich, wie ich zum Studiengang Digitales Management (M.A.) hier an der Hochschule gekommen bin. Nachdem ich meinen Bachelorabschluss in Geschichte und Germanistik gemacht hatte, wollte ich etwas anderes ausprobieren und ganz neue Kompetenzen hinzugewinnen. Deswegen habe ich mich für ein Management-Studium entschieden, wobei ich es sehr interessant fand, dass ich es mit dem digitalen Bereich verbinden konnte.

Ich möchte in meinem Studium mehr über das methodische Handwerkszeug, die Herangehensweise und auch das betriebswirtschaftliche Denken lernen, das man für die Entwicklung und Umsetzung von Projekten braucht. Denn ob es sich nun um Nachhaltigkeit oder ein anderes Thema handelt, bei Projekten geht es immer auch um Fragen wie: Auf welche Weise bekomme ich eine möglichst große Reichweite? Wie vermarkte ich etwas gut? Wie verbinde ich Menschen? Und wie kann ich am besten mit Finanzen umgehen? Darüber hinaus habe ich zum Beispiel im letzten Dezember an der Hochschule einen Social-Business-Workshop besucht, in dem wir Ideen entwickelt und eigene fiktive Unternehmen gegründet haben. Da war das Studium für mich auch ein guter Ideengeber.

Welche Rolle wird das Thema Nachhaltigkeit in Zukunft in Ihrem privaten und vielleicht auch beruflichen Leben spielen?

Neben meinem privaten Engagement kann ich mir gut eine Arbeit im Projektmanagement in einer Nichtregierungsorganisation oder einem Social Business vorstellen, in dem ich Projekte managen, viel mit Menschen reden und netzwerken kann. Das wäre für mich ein Traum. Vielleicht arbeite ich aber auch erst einmal in einem Unternehmen oder einem kleinen Start-up, das Wert auf Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsberatung legt. Ich bin da noch sehr offen, möchte aber auf jeden Fall in dem thematischen Bereich bleiben.

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