12.11.2019

Von Beratung und Vertrauen

Interview von Dr. Andreas Müller

Evelyn Scotti lehrt seit fast zwanzig Jahren im Fachbereich Gesundheit & Soziales an der Hochschule Fresenius. Seit fünf Jahren ist sie zudem als Vertrauensdozentin tätig. Sie unterstützt an den Standorten Idstein und Wiesbaden Studierende und Schüler der Hochschule Fresenius sowie der Ludwig Fresenius Schulen in Stresssituationen, bei Prüfungsangst, in persönlichen Krisen und bei Konflikten. Was dabei ihre Arbeit ausmacht, wie sie mit Vertrauen umgeht und auf welche Weise sie beraten und helfen kann, darüber spricht sie nun im Interview.

Sie sind bereits seit dem Jahr 2000 als Dozentin an der Hochschule Fresenius tätig und wurden 2014 zudem Vertrauensdozentin. Was hat Sie damals dazu bewogen, diese neue Aufgabe zu übernehmen?

Wir haben damals die Erfahrung gemacht, dass das Studium und die Ausbildung immer mehr und höhere Anforderungen an Studierende und Schüler stellen. Es bestand ein Beratungsbedarf, den Dozierende allein nicht leisten konnten und der zu möglichen Rollenkonflikten führte. Deshalb entschloss sich die Geschäftsführung 2014, am Standort Idstein einen Vertrauensdozenten zu installieren. Da ich als Diplompädagogin mit zahlreichen Aus- und Weiterbildungen sowie langjähriger Erfahrung in diesem Bereich die erforderlichen Qualifikationen mitbringe, hat mich diese Aufgabe sehr angesprochen. Ich übernahm sie damals sehr gerne und tue es auch noch heute.

Als Vertrauensdozentin sind Sie regelmäßig im persönlichen Gespräch mit Studierenden und Schülern. Welche Probleme haben diese und wie haben sie sich in den letzten Jahren verändert?

Die meisten Probleme der Studierenden und Schüler lassen sich in zwei große Gruppen teilen: Zum einen nehmen Stress und Prüfungsangst immer weiter zu. Zum anderen erfahre ich von vielen persönlichen Krisen, wie familiären Problemen und verschiedenen Einschränkungen, aber auch Behinderungen und Erkrankungen. Ein weiteres Feld, das zahlenmäßig nicht groß ist, aber ebenfalls zunimmt, sind Konflikte in Lerngruppen. Darüber hinaus gab und gibt es nach wie vor viele Studierende und Schüler, die nebenher arbeiten und dadurch an ihre Grenzen kommen.

Welche Aufgaben haben Sie als Vertrauensdozentin? Was können Sie für Studierende und Schüler tun?

Das Herzstück meiner Arbeit bilden Einzelgespräche. Dabei können die Studierenden und Schüler einfach in meine offene Sprechstunde kommen oder einen Termin vereinbaren. Wir sprechen dann über ihre Probleme, was für sie schon entlastend sein kann. Danach kommt es auf die Art und Weise der Grundproblematik an: Wir können einzeln oder auch in Gruppen beispielsweise an einer Verbesserung der Lernstrategien oder einer Prüfungsangst arbeiten oder auch daran, wie man am besten mit Stress umgeht. In einzelnen Fällen begleite ich Studierende bei Gesprächen mit Dozierenden oder dem Prüfungsamt, wenn es zum Beispiel um die Beantragung eines Urlaubssemesters geht. Bei Bedarf unterstütze ich sie auch dabei, weiterführende Hilfs- und Beratungsangebote außerhalb der Hochschule zu finden.

Woran machen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit fest?

Meine Arbeit ist erfolgreich, wenn ich Studierende und Schüler so unterstützen kann, dass eine schwierige Situation entschärft wird, sie die eigenen Ressourcen wieder wahrnehmen können und sich für sie Lösungsperspektiven abzeichnen. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Studierender aufgrund meiner Hilfe nicht aufgibt, sondern an der Hochschule bleibt, oder dass er beschließt, ein Urlaubssemester zu nehmen, weil er sich um sich selbst sorgen muss und Zeit für sich braucht. Darüber hinaus ist es für mich ein Erfolg, wenn ich positive Rückmeldungen bekomme oder erfahre, dass ein Studierender oder Schüler mit meiner Unterstützung eine schwierige Prüfung bestanden hat.

Gerade, wenn es um persönliche Krisen oder Probleme mit Noten geht, ist Vertrauen besonders wichtig. Wie werden Sie dem Vertrauen, das Ihnen Studierende und Schüler entgegenbringen, gerecht?

Meine Schweigepflicht hat für mich eine enorm hohe Priorität. Deshalb mache ich die Studierenden und Schüler, die zu mir kommen, immer darauf aufmerksam, dass es nur zwei Situationen gibt, bei denen ich eine Ausnahme machen muss: wenn ein Studierender oder Schüler den ausdrücklichen Wunsch hierzu hat oder bei einer drohenden Selbst- oder Fremdgefährdung. Zudem bin ich schon seit 1980 in der Beratungsarbeit mit Familien, aber auch Kindern und jungen Menschen tätig und diese Erfahrung spiegelt sich auch in meiner Haltung wider: Man kann mir alles sagen. Es gibt fast nichts, das mich umhauen würde.

Um Ihren Aufgaben als Vertrauensdozentin gerecht zu werden, brauchen Sie eine ganze Reihe an Fachkenntnissen. Welche sind für Sie besonders wichtig und wie haben Sie sich diese angeeignet?

Für mich ist gerade das Bild, das sich aus dem Puzzle meiner zahlreichen Aus- und Weiterbildungen zusammensetzt, wichtig. Dabei haben zwei Schlüsselkompetenzen eine besondere Bedeutung: Zum einen hat meine Weiterbildung zur Systemischen Familien- und Paartherapeutin meine Arbeit sehr geprägt. Zum anderen fließen auch meine Fortbildungen in Bereichen wie Stressmanagement, Entspannungstechniken und Achtsamkeit in meine Tätigkeit ein. Da ich in Idstein und Wiesbaden die einzige Vertrauensdozentin bin, lasse ich mich zudem regelmäßig und dauerhaft begleiten. Ich nehme einmal pro Monat an einer Supervision teil, die mir hilft, Abgrenzungen zu finden und meine Arbeit zu reflektieren.

Neben persönlichen Gesprächen bieten Sie auch regelmäßig Workshops und Kurse an, derzeit ein Achtsamkeitstraining zur Stressbewältigung. Was können Studierende und Schüler aus diesen Kursen mitnehmen?

Wir wissen, dass ein Studium und eine Ausbildung nicht ganz stressfrei sind, dass wir aber Studierenden und Schülern schon helfen können, bevor der Stress zu einem ernsthaften Problem wird. Daher gewinnen Angebote, wie beispielsweise Trainings zum Stressmanagement, Mental- oder Entspannungstrainings immer mehr an Bedeutung.

Bei dem Achtsamkeitskurs, den ich derzeit leite, steht vor allem das Stressmanagement im Mittelpunkt und wird durch Übungen aus der Achtsamkeitslehre unterstützt. Auf diese Weise lernen die Studierenden und Schüler, die Gedanken, die sie daran hindern, Probleme anzugehen, aktiv wahrzunehmen und eine Distanz zu ihnen zu schaffen. Achtsamkeitsexperten nennen dies „create a gap“, schaffe eine Lücke. Die Studierenden und Schüler fokussieren sich darauf, ihre Gedanken, Gefühle und ihren Körper aktiv wahrzunehmen, und lernen verschiedene Übungen, die sie anschließend im Alltag erproben können. Zudem können sie sich in dem Kurs mit gleichermaßen Betroffenen austauschen und sich gegenseitig unterstützen.

Sie haben fast vierzig Jahre Beratungserfahrung und arbeiten nun seit fünf Jahren als Vertrauensdozentin. Was ist Ihre persönliche Motivation?

Meine Aufgaben als Vertrauensdozentin sind sehr abwechslungsreich. Denn jeder Studierende und jeder Schüler ist ein anderer Mensch mit individuellen Themen. Sie motivieren mich, wenn sie zu mir kommen und mir ihre Probleme anvertrauen. Und es motiviert mich, wenn ich merke, dass ich sie in ihrer Entwicklung unterstützen und begleiten kann.

Bei Fragen und Problemen können sich Studierende sowie Schüler an Evelyn Scotti bzw. an den Vertrauensdozenten an ihrem Standort wenden.
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