08.01.2020

Seelenmut – Ein Weg aus der Essstörung

Interview von Barbara Debold

Julia Steppat ist 23 Jahre alt und studiert an der Hochschule Fresenius in Wiesbaden Psychologie (B.Sc.). Außerdem ist sie Gründerin von ReEase und zertifizierte Ernährungsberaterin. Auf ihrem Instagram-Profil Seelenmut spricht sie über Essstörungen und möchte Betroffenen Hilfestellung bieten.

Liebe Frau Steppat, Sie waren selbst lange Zeit von Essstörungen betroffen. Wie kam es dazu?

Schon in meiner Kindheit fühlte ich mich nicht wohl in meinem Körper und empfand ihn als zu dick. Bereits mit zehn Jahren begann ich meine erste Diät und fing an, meinen Körper mit anderen zu vergleichen.

Mit sechzehn Jahren rutschte ich in die Krankheit Magersucht. Ein banales Referat in der Schule über das Thema Essstörungen konfrontierte mich erstmals mit dieser Krankheit.

Mit jedem Kilo, das ich weniger auf die Waage brachte, bekam ich ein Gefühl von Kontrolle und Selbstdisziplin. Die Optimierung meines Körpers war für mich zu einer Aufgabe geworden.

Mitten in diesem Teufelskreis angekommen, hatte ich keine Kontrolle mehr über diese Krankheit. Sie kontrollierte nun mich. Ich aß zum Schluss eine Handvoll Cornflakes noch am Tag. Nicht genug, um am Leben noch teilnehmen zu können. Meine Kraft schwand mit jedem Tag. Ich wog mich mehrmals täglich und meine Stimmung war von der Zahl auf der Waage abhängig. Die Magersucht war gleichzeitig meine beste Freundin und Feindin.

Wie konnten Sie selbst gegen diese Krankheit ankommen?

Nach sechs Jahren Magersucht mit allen möglichen Hochs und Tiefs war ich mit 20 an meinem kompletten Tiefpunkt angelangt. Neben der Magersucht mit all ihren Nebenwirkungen hatte ich depressive Phasen, meine Lebensfreude und Hoffnung waren kaum mehr da. Ich hatte es fast aufgegeben, diesen Kampf noch zu gewinnen. Doch gleichzeitig beschloss ich, endlich gesund werden zu wollen. Ich wälzte Bücher, besuchte Seminare und eignete mir Wissen an. Aber nichts half so richtig. Mein „Klick-Moment“ im Kopf kam, als ich mich selbst vor die Wahl stellte, ob ich leben oder sterben wollte. Die Frage lautete, wer und was ich bin, ohne „die Krankheit“?

Ich machte einen kompletten Neuanfang mit mir selbst und begann, in meinen Körper zu hören. Ich entwickelte eine eigene Strategie, mich zu heilen und mein Essverhalten zu normalisieren. Seitdem hatte ich kein einziges Mal mehr einen Rückfall. Durch die tiefe Auseinandersetzung mit mir und meinen Gefühlen, bin ich Stück für Stück mir als Person neu begegnet. Ich erkannte das Essen nie mein Problem war. Das Problem sind alte Gefühle, die ich nie genauer beleuchtet habe und die immer wieder hochkamen. Mein Körper wollte nie krank werden. Er wollte nur, dass man ihm einmal zuhört und beachtet.

Mut bedeutet
„Begegne deinen Ängsten und Gefühlen, deiner Vergangenheit. Sie sind der Schlüssel.“

Wie kamen Sie dazu, anderen Menschen mit Essstörungen zu helfen?

Ich weiß was es heißt, mit seinem Körper auf Kriegsfuß zu stehen. Auf meinem Recovery-Weg bin ich immer wieder an Themen gestoßen, bei denen ich mich sehr hilflos gefühlt habe, weil es zu wenig Aufklärung über das Thema gab, besonders über die Phase der Genesung.

In vielen Therapien liegt der Schwerpunkt auf der Normalisierung des Gewichts. Für mich machten viele Ansätze in der Therapie keinen Sinn, sie funktionierten nicht und führten immer wieder zu Rückschlägen.

Über die Beschäftigung mit mir selbst, habe ich meine Mission gefunden und möchte anderen Menschen mein Wissen und meine Erfahrungen zum Thema Essstörungen weitergeben. Für mich ist der Weg der Heilung eine Reise zu sich selbst.

Jahrelang war ich voller Selbsthass und Unzufriedenheit. Früher hätte ich nicht mehr an eine komplette Heilung der Essstörung gedacht. Doch der Umgang mit dem eigenen Körper und die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen, wer bin ich und was ist mein persönlicher Sinn im Leben, sind wichtig, um die eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren.

Durch meinen Instagram-Account Seelenmut bin ich ständig in Kontakt mit Menschen, die an einem gestörten Essverhalten leiden. Es liegt mir sehr am Herzen, meine Erfahrungen mit ihnen zu teilen, sie zu unterstützen und vor allem ein Stück Hoffnung zu geben. Unser Leben ist so viel mehr als ein perfektes Aussehen und die kleinste Kleidergröße.

Wonachhungert Deine Seele
„Jede Form der Essstörung ist ein Hilfeschrei der eigenen Seele“

Dazu gebe ich meinen Followern regelmäßige Denkanstöße und biete Aufklärung und Austausch zum Thema Essstörungen. Außerdem finden sie auf meinem Kanal auch Übungen und Hilfestellungen für den Alltag.

Für nächstes Jahr plane ich ein individuelles Coaching-Programm mit dem Schwerpunkt von Lebensfreude, Selbstliebe, Frieden schließen mit sich selbst – und zwar ungezwungen und langfristig!

In wie fern hilft Ihnen Ihr Psychologiestudium bei Ihren Plänen?

Das Psychologiestudium dient natürlich als Unterstützung, mein momentanes „Wissen“ habe ich mir davor selbst angeeignet. Das Studium verknüpft meine Erfahrungen und meine Neugier, mehr über die Psyche und den Menschen wissen zu wollen. Diese Erkenntnisse kann ich dann in meinen Projekten direkt umsetzen.

Julia Steppat über ihren Antrieb
Mein Antrieb: „Ich will die Denkweise in der Therapie von Essstörungen verändern“

Sie sind Gründerin von „ReEase – Leichtigkeit, Zufriedenheit, Lächeln aus Lebenslust“. Was können wir uns darunter vorstellen?

ReEase ist unser Konzept eines neuen Reflexionstagebuchs. Das EASE-Journal ist ein geführtes Tagebuch, welches dem Nutzer jeden Morgen und Abend Fragen stellt. Dabei gibt es tägliche wiederkehrende Fragen, so wie jeden Tag eine neue zusätzliche Frage aus verschiedenen Kategorien.

Die täglichen Fragen haben einen Präventionscharakter, mit Blick auf das eigene Körperempfinden, Selbstfürsorge, Selbstwert und Reflexionen zum eigenen Umgang mit Gefühlen. Denn die Prävention gegenüber Stress und der eigene Umgang mit sich selbst sind besonders wichtig in unserer schnelllebigen Zeit.

ReEase – Leichtigkeit, Zufriedenheit, Lächeln aus Lebenslust
ReEase – Leichtigkeit, Zufriedenheit, Lächeln aus Lebenslust

Ein Wissensteil fundiert auf psychologischen Erkenntnissen und hilft bei der Vertiefung der Themen. Wie kann ich mich und meinen Körper lieben lernen? Dies ist nur eine Frage, bei der das Tagebuch begleiten wird. Es geht in dem Tagebuch nicht darum zu bewerten. Vielmehr soll es Hilfestellung bieten, alte Dinge loszulassen sowie diese als Teil von einem zu integrieren. Jetzt ist dein Zeitpunkt, um alles was dich kleinhält loszulassen. Lass es zu deiner wichtigsten Aufgabe werden, zufrieden zu sein und deine Freude mit anderen zu teilen.

Julia Steppat - Seelenmut

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