07.04.2020

Kommentar zum Weltgesundheitstag: Auf der Suche nach der besten aller möglichen Welten

Beitrag der Redaktion

Ein Kommentar von Claudia Schmiderer, Kommissarische Studiengangsleiterin Medien- und Kommunikationsmanagement (B. A.), Dozentin Kommunikationsmanagement im Fachbereich onlineplus.

Der Weltgesundheitstag am 7. April, der an die Gründung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1948 erinnert und in Deutschland seit 1954 begangen wird, nimmt jedes Jahr ein Gesundheitsthema von globaler Relevanz in den Fokus. Insbesondere die zum Teil miserablen Gesundheits-, Hygiene- und Versorgungszustände in den Ländern, die weit weg unserer industriellen Wohlstandsgesellschaften herrschen, werden uns damit nähergebracht, um durch finanzielle, personelle und logistische Unterstützung zu einer Verbesserung beizutragen.

2020 hat die WHO zum „International Year of the nurses and the midwives” ausgerufen. Und hätte SARS-CoV-2 nicht seit Januar die Welt erobert und damit zu einem globalen Ausnahmezustand geführt, die Hebammen und Pflegerinnen und Pfleger hätten zwar einige Aufmerksamkeit dazugewonnen, ob sich für sie allerdings langfristig eine Verbesserung beispielsweise bei Löhnen und Arbeitszeiten eingestellt hätte, bleibt zu bezweifeln. Denn da stehen andere Dinge vornan und die Entscheidung, Ausschüttungen von Boni, Dividenden und Gewinnen zu reduzieren, gar zu unterbinden, hat gedauert. Außerdem geht das Wohl des eigenen Unternehmens vor, so dass auch die Idee gut situierter Großunternehmen, Mietzahlungen zu stoppen bzw. rückwirkend zurückzufordern, erst mal naheliegend scheint.

Nun, voreilige Statements, schnell formulierte unvernünftige Maßnahmen oder Ratschläge, übertriebene und forsche Forderungen, extrem zugespitzte Zukunftsvisionen – all dies zeugt eher von Verhaltensweisen in Stressmomenten, denen Menschen ohne große Vorbereitung in Ausnahmesituationen gegenüberstehen. Und nicht selten werden spontan und unüberlegt getätigte Äußerungen wieder zurückgenommen.

Neben den ökonomischen und monetären Unsicherheiten steht die Freiheit zur Diskussion – oder auf dem Spiel? Denn inzwischen geht es nicht mehr nur um eine mögliche Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen, in der viele Menschen eine Einschränkung ihrer Freiheit sehen oder sahen(?). Es geht um die momentane Einschränkung von Freiheiten, die aus einem Ausnahmezustand zumindest in einigen Punkten einen Normalzustand machen könnte. Und auch wenn wir in Deutschland – aufgrund unserer Geschichte, der Verfassung und dem Grundgesetz – vor solchen Gefahren geschützter sind als andere, nichts ist (mehr) undenk- oder unmachbar. Dazu müssen wir nur über ein paar Grenzen in unsere so nahe Nachbarschaft schauen, um zu verstehen, dass demokratische Gesellschaften nicht garantiert auch solche bleiben und vice versa. Ungarn ist hier in der negativen Richtung Vorreiter.

Was tun? Wir können natürlich – wie es gerade einige Philosophen tun – darüber debattieren, ob wir lieber Camus „La Peste“ oder Boccaccios „Il Decamerone“ lesen sollten. Wir können auch darüber debattieren, wer, wo die bessere Politik macht oder darüber, was danach anders sein wird und sein soll. Und wird danach nichts mehr so sein, wie es war?

Diese Vorhersage wurde – nach 9/11, den Amokläufen und Anschlägen in Erfurt, auf Utøya, in Christchurch, Halle und Hanau, nach dem Tod Aylan Kurdis am Strand von Bodrum – häufig wiederholt, ohne dass sich viel verändert hätte. Im Februar sind im syrischen Idlib die Menschen dem Hunger und der Kälte ausgeliefert und womöglich Kinder in der Nacht erfroren. Im Lager Moria fürchtet man eine Flächeninfektion der schon geschwächten, auf engstem Raum und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen lebenden Menschen.

Wir werden sehen, was sich ändert und ob wir künftig in einem „Sonnenstaat“, wie ihn Campanella 1602 entworfen hat, leben. Der allerdings ist eine trügerische Utopie, hinter der sich absolute Unfreiheit und Überwachung verbergen. Das Ideal eines funktionierenden „Sonnen“Staates macht viele anderen Träume überflüssig. Ohne ihn haben wir zumindest noch eine Ahnung von dem Gefühl zwischen „Uhren und Wolken“ zu sein. Dieser Titel eines Aufsatzes von Karl Popper bezieht sich auf zwei physikalische Systeme, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Den ungeordneten, in der weiteren Entwicklung wenig voraussagbaren Zustand von Wolken und denjenigen von Uhren, die ein regelhaftes, geordnetes und ziemlich voraussagbares Verhalten zeigen. In diesem System gibt es noch Platz für Entscheidungen – allerdings nicht, ohne Verantwortung zu übernehmen.

Ach ja, und es gibt neben Camus und Boccaccio noch Voltaire. In „Candide ou l‘optimisme”, auf der Suche nach der besten aller Welten, in der alle Ereignisse miteinander verknüpft sind, finden wir eine Vorstellung von Zukunft: „[…] il faut cultiver notre jardin“. Ein Missverständnis soll an dieser Stelle allerdings gleich vermieden werden, nämlich lediglich das eigene Ich, den eigenen Garten, die eigene Nation zu pflegen. „Unser“ Garten ist die Welt. Lesen. Jetzt. Bitte.

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