Die Liebe in den Zeiten der Vernunft

Ein Kommentar von Claudia Schmiderer, Kommissarische Studiengangsleiterin Medien- und Kommunikationsmanagement (B. A.), Dozentin Kommunikationsmanagement im Fachbereich onlineplus.

KOLUMNE   2   .   februar 2020

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Claudia Schmiderer

Die Liebe in den Zeiten der Vernunft

Von einer Zeit der Vernunft zu sprechen, dürfte im jungen Jahr 2020 angesichts der herrschenden Unvernunft und den daraus erwachsenden Aufgeregtheiten über scheinbar noch nie dagewesene Menschheitsprobleme eher abwegig klingen. Da durchkreuzt 2019-nCoV (glücklicherweise) die hitzige Medienberichterstattung zum Megxit, die Debatte um die Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen das Thema Brexit und der Streit zweier Päpste um den Zölibat das Impeachment gegen den aus eigener Sicht nächsten Friedensnobelpreisträger.

Und dann auch noch die Liebe mit Vernunft zu paaren, lässt vermuten, dass von romantischen Emotionen hier weniger die Rede sein wird. Aber vielleicht müssen wir uns auch von tradierten Vorstellungen über die Liebe verabschieden, zumal die romantische Liebe und die daraus folgende Liebesheirat historisch gesehen eine kurze und noch junge Geschichte ist, die erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts beginnt und mit Jean-Jacques Rousseaus Briefroman Julie ou la Nouvelle Héloïse (1761) eine breite Leser- und Anhängerschaft findet.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Umfrage, die die Gesellschaft für Informatik e.V. im Mai 2019 durchgeführt und die Ergebnisse kurz vor dem „Fest der Liebe“ an Weihnachten, das allerdings inzwischen dank Unmengen überflüssiger Produkte besser mit „Fest des Konsums“ betitelt werden sollte, veröffentlicht hat. Im Rahmen des Projekts #KI50 – Künstliche Intelligenz in Deutschland – gestern, heute, morgen (https://ki50.de/uber-ki50/) wurde ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung ab 16 Jahre in 1.283 Face-to-Face-Interviews befragt, ob sie sich künftig die Liebe zwischen Menschen und Maschinen vorstellen können. Danach hält jeder fünfte Mensch es für normal, sich in Maschinen mit Künstlicher Intelligenz zu verlieben; bei den 15- bis 29-Jährigen glaubt jeder Dritte, dass Liebesbeziehungen zwischen Mensch und Maschinen selbstverständlich sein werden.

Wobei das Thema „Liebe zu Maschinen“ nun kein ganz neues ist, im 21. Jahrhundert jedoch mit fortschreitender Digitalisierung zunehmend in den Fokus rückt. Vorreiter aller Fantasien bleibt E.T.A. Hoffmanns 1816 erschienene Erzählung Der Sandmann, in der sich der Protagonist in Olimpia verliebt und erst spät erkennt, dass sie eine hölzerne Automatenpuppe ist. 2007 erscheint David Levys Buch Love and Sex with Robots, in dem er ankündigt, dass diese Liebe bis 2050 zur Routine werden wird. 2013 spielt Joaquin Phoenix in Spike Jonze Science-Fiction-Film Her den schüchternen Theodore Twombly, der eine Beziehung zu Samantha – Stimme und Künstliche Intelligenz seines neuen Computerbetriebssystems – eingeht. Im Juli 2019 treffen sich Experten zum 4. International Congress on Love and Sex with Robots in Brüssel, um ihre innovativen Arbeiten und Ideen vorzustellen und zu diskutieren. Und kurz zuvor erscheint Ian McEwans Roman Maschinen wie ich, der im Jahr 1982 spielt und in dem Charly und Miranda Adam programmieren, einen hochintelligenten Gefährten, der seinen Erschaffern weit überlegen ist – nicht nur weil er Shakespeare oder Studien zur Quantenphysik liest. Er beginnt auch ein Verhältnis mit Miranda und scheint ein Bewusstsein zu entwickeln, was so natürlich nicht vorgesehen war. Allein dass Adam keine Romane schreiben kann, wie Charly anmerkt, heißt nicht viel. Das kann ja noch kommen. Nämlich dann, wenn Adam sich bewusst wird, dass er ein Individuum ist, das einzigartig ist und sich von anderen Lebewesen unterscheidet. So entstanden wohl auch die ersten von Menschenhand angefertigten Zeichnungen aus der Erkenntnis, ein individuelles Bewusstsein und reflexives Wissen entwickeln zu können, um sich so von anderen Individuen abzugrenzen.

Und da die nie endende Liebe zur eher raren Sorte gehört, denn „nichts auf der Welt ist schwieriger als die Liebe“ (Gabriel Garcia Márquez) – nicht nur in den Zeiten der Cholera, und das Liebe-Finden über Datings-Apps häufig nicht zum gewünschten Ergebnis führt, die Liebe eh nur „ein Gelüst des Bluts, eine Nachgiebigkeit des Willens“ und „bloßer Irrsinn“ (William Shakespeare, Othello/Wie es euch gefällt) ist, verheißt die Liebe zu Maschinen möglicherweise eine grandiose Zukunft. Vor allem dann, wenn wir sie, die Maschinen, nach unseren Wünschen und Vorstellungen selbst programmieren können. Happy Valentine!

[Vorabdruck aus: Schmiderer, C. und Weber, P.J. (Hrsg.) (2020). „Lost in …“ Digitalisierung. Theorie-Praxis-Dialog des Fachbereichs onlineplus der Hochschule Fresenius . Band 01]

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